19. August 2009, 00:13 Uhr - von Thomas Hinrichs
Mich nervt das. Bevor ich das näher erläutere will ich zunächst sagen, dass das Geschehen in Schwalmtal ein schreckliches ist. Drei Menschen sind tot, das ist furchtbar. Ohne jeglichen Zynismus will ich aber auch sagen, dass man im Nachrichtengeschäft kühl und rational die Faktenlage prüfen muss. “Viele” Tote habe ich da heute gehört, dann “einen”, dann “mehrere”, dann “vier” und am Ende schließlich “drei”. Da war journalistisch betrachtet wieder viel zu viel Aufregung drin. Das nervt. Deswegen machen wir da auch nicht mit.
Man fragt sich schon, was die Aufgabe journalistischen Handelns ist. Geht es darum, als Erster Unruhe zu stiften? Oder darum, Stimmungen und Ängste zu versachlichen? Die ganzen Eilmeldungen waren heute keine Glanzleistung journalistischen Handwerks.
Um viertel vor acht kam die letzte Meldung mit “mehreren” Toten. Eine Minute vorher war es noch einer. Fast schon egal. Dennoch, die Frage muss erlaubt sein: Was sind “mehrere”? Drei? Das ist kein Aufmacher! Acht? Das wäre außergewöhnlich, da muss sofort weiter recherchiert werden. Gab es das schon mal? Das würde sicher eine Rolle spielen bei der Einordnung. Zudem galt es, die Fragen, die uns wenigstens noch wichtig sind zu klären: Was sind die Motive? Politischer Hintergund? Religiöser Wahn? Staatliches Versagen? Oder doch nur ein Familiendrama, dessen Relevanz den Niederrhein nicht übersteigt?
Zum Glück waren die Kollegen des WDR selbst sehr schnell vor Ort, so dass wir uns nicht auf die Agenturen verlassen mussten. Und was wussten wir? Nicht viel. Weder war das Motiv bekannt noch die Opferzahl. Deswegen haben wir uns in der 20-Uhr-Ausgabe nicht hingestellt und auf der Eins (also auf der Aufmacherposition) erzählt, dass noch alles unklar ist; nein, wir haben die Zeit bis kurz vor den Sport genutzt, um neueste Informationen zu erhalten. (Abgesehen davon, dass wir unseren Übertragungswagen ohnehin noch mal umsetzen mussten, wollten wir die komplette Zeit ausreizen.)Unser Korrespondent Christian Feld hat dabei einen sehr guten Job gemacht. Live vor Ort hat er berichtet, was Stand der Dinge ist. Die Faktenlage war immer noch spärlich, genau das hat er ruhig und sachlich reportiert. Die Aufregung war dafür umso größer, hatte es den Anschein. Wir wollten nicht dazu beitragen. Ich bin sicher, dass der Zuschauer auf lange Sicht diesen Kurs schätzt. Wir halten ihn für uns für den enzig richtigen. Und das bleibt auch so.
Wir sind nicht vor Missgeschicken gefeit, das ist wohl bei allen, auch bei uns leider so. Ich habe hier in meinem Büro aber so eine alte Holztafel, auf die meine Vorgänger ein paar kluge Sätze geschrieben haben - mit der guten alten Schreibmaschine getippt steht da unter anderem:
Die tagesschau will schnell sein und zuverlässig. Hat sie zu wählen, entscheidet sie sich für die Zuverlässigkeit.
Drei Tote, ein Schwerverletzter wurde nach der Hauptausgabe klar. In den tagesthemen haben wir die Sachlage dann konsequenterweise zu Ende erzählt. Nicht als Aufmacher. Warum auch?
blog tagesschau.de - hinter den Nachrichten.
Thomas Hinrichs |
19.08.2009 00:13 Uhr
Kategorie: ARD-aktuell Chefredaktion
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Am 19. August 2009 um 00:45 Uhr
Ja. Ein wenig seriös und vor allem gründlich sollte die Tagesschau schon bleiben.
Nach der Sommerlochposse von Gniffke/Deppendorf und dem neuen Vornamen des Herrn Bundespräsidenten ist auch diese Frage nach der Qualität mal angebracht, finde ich.
Am 19. August 2009 um 02:11 Uhr
Gut gemacht; tragische Vorgänge doch wirklich nicht relavant für eine Nachrichtensendung von gutem Vormat.
Ein Beispiel wie dumm andere berichten:
Das SEK soll, nachdem der Täter aufgegeben habe, mit schwerem Gerät in die Wohnung eingedrungen sein;=> schwerem Gerät??? Panzer oder was?
Ebenso wie jede Maschinenpistole als schwere Waffen betitelt wird.
Ein wenig mehr Sachverstand tut not.
Am 19. August 2009 um 03:54 Uhr
Naja, kann man auch anders sehen. Gehört zur Bestimmung des Nachrichtenwerts zwangsläufig nur die Anzahl der Toten? Und was heißt “Relevanz”?
Dass der Eilmeldungswahnsinn Unfug war, ist klar. Aber schalte ich nicht gerade dann die Tagesschau ein und erwarte mit entsprechender Vorkenntnis (aufgrund der ganzen Eilmeldungen und der einhergehenden Verwirrung, die ja nunmal existiert) das Thema als Aufmacher? Auch, wenn es nicht viel zu sagen gibt? Vielleicht gerade dann - immerhin ist es längst “Topthema” unter den Zuschauern, vermutlich. Alle reden drüber, aber die Tagesschau (von der ich eine sachliche, notfalls eben auch inhaltsschwache, aber seriöse Einordnung erwarte) lässt mich erstmal warten, weil an der Holzwand irgendwelche Zettel hängen und die verantwortlichen Redakteure Wein predigen (und spätestens beim nächsten Sport-/Schnee-/usw.-Brennpunkt Wasser saufen).
Der Zuschauer kann die Entscheidung schätzen, er kann sich aber -ob so viel hingedengelter Seriösität- möglicherweise auch schon wieder veräppelt vorkommen.
Oder um Ihre Worte zu benutzen:
“Mich nervt das (…) Das nervt (…) Deswegen machen wir da auch nicht mit” [und schalten die Glotze aus].
Am 19. August 2009 um 07:03 Uhr
Spätestens zum Sendetermin der Tagesthemen war klar, dass es eine “Familientragödie” war. Trotzdem hat sich die TT-Redaktion für einen Beitrag und obendrauf noch eine Live-Schalte entschieden. Meiner Meining nach war dies angesichts der Maßstäbe, die TS und TT sonst für Boulevard-Themen anlegen, viel zu viel. Das war - unabhängig von der menschlichen Tragik dieses Themas - nicht mehr als eine Text-Nachricht. Auch im sogenannten Sommerloch.
Am 19. August 2009 um 08:27 Uhr
> Was sind die Motive? Politischer Hintergund? Religiöser Wahn? Staatliches Versagen? Oder doch nur ein Familiendrama, dessen Relevanz den Niederrhein nicht übersteigt?
Ganz ohne Zynismus, aber angesichts der derzeitigen “Diskussion” (das war jetzt Zynismus) habe sie “Computerspiele” in der Reihe vergessen.
Am 19. August 2009 um 08:58 Uhr
Das mit dem Unruhe stiften war gut gesagt. Könnte aus diesem Grunde nicht auch die Berichterstattung über Ulla Schmidts “Dienstwagenaffäre” einfach wegfallen? Das nervt mich nämlich, das empfinde ich als Unruhe stiften in dem bisher ruhigen Wahlkampf, das hat mit Relevanz nix zu tun, außer vielleicht für Bild-Zeitungs-Leser. Da täte es gut, die Tagesschau als Vorbild zu haben, die nicht jede Sau bebildert, die gerade durchs Dorf getrieben wird.
Am 19. August 2009 um 11:51 Uhr
Absolut richtige Entscheidung. Weiter so!
Am 19. August 2009 um 12:10 Uhr
Ich habe gerade Ferien und lümmel mich ofter auf den Privaten rum, um irgendwelche Comedy-Serien zu schauen. Dabei kommen mir öfter mal irgendwelche “Nachrichten”-Sendungen unter, die man getrost ebenfalls in die Sparte Comedy und Kurzweil einordnen kann. Es ist schon unglaublich, wie jede vermeintliche Meldung medien- und massenwirksam als Amoklauf, Tragödie, Skandal und dergleichen einsortiert wird, um die Zuschauer an den Bildschirm zu fesseln. Das was mich dabei beunruhigt, ist der Populismus und die Meinungsmache, die in BILD-Manier von diesen Infotainmentsendungen ausgeht; breite Massen werden so auch von einem bewussten und mündigen Umgang mit der Nachrichtenlage befreit, eine realistische Einordnung der Geschehnisse und ihres Stellenwerts im Vergleich zu anderen Ereignissen wird dadurch auf den Kopf gestellt. Es ist gut, wenn eine Nachrichtensendung auf Zuverlässigkeit vor Schnelligkeit pocht, irgendeine verlässliche Quelle braucht man ja noch…
Am 19. August 2009 um 12:15 Uhr
Für die Unruhestiftung waren ja diverse Internet-Quellen zuständig. Die WAZ hatte z.B. sehr schnell einen Link zu einem Twitter-Feed auf ihrer Seite, der offensichtlich den Polizeifunk abgehört und die aktuellen Geschehnisse getwittert hat.
Aber gut zu wissen, dass es auch noch seriöse Berichterstattung gibt.
Am 19. August 2009 um 13:58 Uhr
Übertriebene Sensations-Berichterstattung ist nicht nur überflüssig, sondern auch eine politische Gefahr. Es entsteht der falsche Eindruck, wir leben in einem Verbrecher-Staat. Wenn sich zufällig ein paar solche Ereignisse häufen, gibt es ganz schnell Forderungen nach neuen Sicherheits-Gesetzen. Man ruft dann nach mehr Überwachung, mehr Kontrollen. Und Anzeichen sollen ganz früh erkannt werden. Das bedeutet noch mehr Überwachung. In Wahlkämpfen werden spektakuläre Verbrechen gerne zur Profilierung benutzt.
Wovor soll man sich mehr fürchten? Vor den ganz, ganz seltenen Amokläufen (falls man die jetzige Tat überhaupt so nennen kann)? Doch eher vor Zulauf zu Parteien mit einfachen Antworten! Vor zusätzlichen Sicherheitsgesetzen und Überwachung, die dann uns alle betreffen!
Solche Taten kann man nebenbei berichten, verschweigen sollte man sie nicht. Aber eine Sensation im Sinne von wichtiger Information sind sie nicht.
@Elsabe
“Das mit dem Unruhe stiften war gut gesagt. Könnte aus diesem Grunde nicht auch die Berichterstattung über Ulla Schmidts “Dienstwagenaffäre” einfach wegfallen?”
Dieses Thema wurde sehr aufgebauscht. Das sollte jetzt wirklich abgehakt sein! Es ist Wahlkampf, da gibt es wichtigere Themen. Ach so, es ist Wahlkampf. Da muss man natürlich auf jedem Mist rumreiten. Aber seriöser Journalismus muss das nicht mitmachen.
Am 19. August 2009 um 17:12 Uhr
“Die tagesschau will schnell sein und zuverlässig. Hat sie zu wählen, entscheidet sie sich für die Zuverlässigkeit.”
Besteht diese Wahlmöglichkeit nicht immer und was heißt “schnell” in Zeiten des Internet? Andere sind immer schneller.
Nachrichteninformation sollte stimmen, sonst ist sie keine, sondern ein Gerücht.
Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Dies wäre dann die Information der Tagesschau.
Am 20. August 2009 um 17:29 Uhr
Genau deshalb mag ich die Tagesschau und das öffentlich-rechtliche Fernsehen und Radio so!!
Am 20. August 2009 um 19:37 Uhr
Der praktizierte Nachrichtenmix der Tagesschau ist voll in Ordnung.
Diese üblichen Streitereien um Wahrheit und Seriösität in den meisten Medien gehen mir jedoch oft zu weit.
Zum Beispiel die exakte Zahl der Todesopfer, wie in diesem Fall, oder entsprechende Zahlen nach Flugzeugabstürzen (u.a. Zahl der beteiligten Deutschen/Ausländer) sind oft eine Farce, zumal sie wenig über das tatsächliche Geschehen aussagen. Eine manchmal nicht ganz exakte Zahlenangabe (aus welchen Gründen auch immer) verfälscht doch eine Nachricht nicht grundsätzlich und macht sie damit auch nicht unzuverlässig!
Am 22. August 2009 um 01:25 Uhr
So leid einem die Toten bei diesem mutmasslichen Totschlag/Mord(Amoklauf ist m.M.n. der falsche Begriff) tun, dass Thema wird leider viel zu stark künstlich aufgebläht. Jedes Jahr sterben im Straßenverkehr mehr Menschen und es kommt (fast) niemand auf die Idee darüber stärker zu berichten als bei solchen (tragischen) Einzelfällen. Rauchen und Alkohol hab ich hier mal explizit ausgenommen.
Am 22. August 2009 um 14:30 Uhr
wenn es nur um die absolute zahl der opfer,warum wurde dann um winnenden so ein tamtam gemacht?hier hat ein polizeibekannter gewalttäter getötet.es wird nicht nachgefragt,warum dieser täter überhaupt waffen hatte.
Am 23. August 2009 um 15:26 Uhr
Genau deswegen liebe ich die öffentlich rechtlichen Anstalten! Nicht solch pseudo Journalismus wie bei der B**d. Macht weiter so Jungs (und Mädels natürlich ;-))