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ARD-aktuell

1. November 2017

Welche Bilder soll die Tagesschau zeigen?

In den vergangenen Tagen haben wir über die Hungersnot in einigen Gebieten Syriens berichtet. Die Versorgungslage in Ost-Ghouta in der Nähe der Hauptstadt Damaskus ist katastrophal, berichtet unser Korrespondent Volker Schwenck. In seinen Beiträgen für die Tagesthemen am Sonntag und für die Tagesschau am Montag waren furchtbar unterernährte Kinder zu sehen, grauenhafte Bilder. Dürfen wir diese Bilder zeigen?

Klar müssen wir über menschliches Leid berichten, über Todesopfer, Verletzte und Menschen in größter Not. Aber zeigen wir deshalb auch den Säugling, der ausgezehrt und unterernährt vielleicht dem Tode geweiht ist? Es gibt Grenzen bei dem, was wir zeigen, Grenzen, die sich allerdings nur ganz schwer festlegen lassen, weil jeder Fall einzigartig ist. Deshalb haben wir Grundsätze, an denen wir uns orientieren:
1. Jeder Mensch, der in der Tagesschau gezeigt wird, hat seine Würde.
2. Wir zeigen keine rohe Gewalt, die angetan ist, Menschen am TV oder PC zu verstören.
3. Wir zeigen Menschen nicht im Moment des Sterbens.
4. Wir zeigen keine Toten in Großaufnahme.
5. Wir zeigen keine Menschen, die in entwürdigender Weise den Kameras präsentiert werden (z.B. Geiseln oder Kriegsgefangene).
6. Wir achten bei der Bildauswahl darauf, dass auch Heranwachsende unsere Angebote im Fernsehen, online, mobil oder social nutzen.

War es nach diesen Grundsätzen angemessen, in den Tagesthemen das kleine Mädchen zu zeigen? War es in Ordnung, dass wir auch gezeigt haben, wie die Krankenpflegerin das Baby in die Kamera hielt? Man kann es als Dokumentieren des Elends interpretieren, aber genau so gut als das Zur-Schau-Stellen eines hilflosen Menschen. Für beide Sichtweisen gibt es gute Gründe. Wichtig war, dass Pinar Atalay die Zuschauer in der Moderation darauf vorbereitet hat, dass der folgende Bericht nur schwer zu ertragen sein werde. Und doch bin ich heute der Meinung, dass wir dieses Bild nicht hätten verwenden sollen. Für mein Gefühl (ich sage ausdrücklich Gefühl) war dieses Bild zu grausam. Heute wissen wir, dass das unterernährte Kind gestorben ist. Deshalb finde ich heute – und hinterher ist man immer schlauer – dass wir dieses Bild auch bei Facebook nicht hätten posten sollen.

In der Tagesschau am Tag danach, gab es ebenfalls Bilder aus dieser Klinik, aber mit etwas zurückgenommeneren Kameraeinstellungen. Auch das war schlimm, war aber nach meinem Ermessen das, was wir maximal verantworten können. In dieser Frage gibt es kein „richtig“ und kein „falsch“. Niemand, der bei ARD-aktuell arbeitet, macht sich diese Entscheidung leicht. Und ich mache niemandem einen Vorwurf. Wir alle sind uns einig, dass wir bei der Darstellung von Gewalt und Leid eher ein Bild weniger verwenden als eines zu viel. Denn Fernsehen wird zwar dominiert vom Bild, hat aber auch die Dimension des Textes, und der kann all das ergänzen, was wir aus guten Gründen nicht zeigen sollten.

16 Kommentare

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1: Frank von Bröckel:

1. November 2017 um 10:57 Uhr

Zunächst müssen wir einmal überprüfen, von wem diese angeblichen Bilder aus Ost Ghouta überhaupt gemacht worden sind!

In Ost Ghouta hat die Hayat Tahrir al- Sham, ehemals Al-Nusra Front,ein Ableger von Al-Qaida die Oberhoheit!

Nun die entscheidende Frage:

Ist Al-Qaida eine zuverlässige Informationsquelle für Bildmaterial aus Ost Ghouta?

2: Key Pousttchi:

1. November 2017 um 11:38 Uhr

So geht ehrlicher und verantwortungsvoller Journalismus. Danke für die klaren Worte. Unfehlbarkeit wird nicht erwartet.

3: Frank von Bröckel:

1. November 2017 um 12:44 Uhr

Ost Ghouta wird von der ehemaligen Al-Nusra Front gehalten!

Daher die berechtigte Frage:

Wie glaubwürdig sind Bildberichte,die von der Al-Nusra Front stammen?

4: Frank von Bröckel:

1. November 2017 um 13:10 Uhr

Das ist doch ein Fall für den Faktenfinder der Tagesschau!

Ost Ghouta ist unter der Kontrolle der Al Nusra Front!

Daher meine völlig berechtigte Frage:

Wie hoch ist denn die Authentizität von der Al-Nusra Front stammendes Bildmaterial aus Ost Ghouta?

5: nie wieder spd:

1. November 2017 um 14:49 Uhr

Ach Herr Gniffke …, wie auch immer. Dass russische Helfer ganze LKW — Konvois seit Tagen nach Ost—Ghouta schicken, an ihre „Gegner“, sogar in Zusammenarbeit mit Syrien und mit der UN, das wurde leider nicht von der Tagesschau berichtet.

6: Bernd:

1. November 2017 um 16:35 Uhr

Man sollte noch ein "7." in Betracht ziehen: Hilft es, so ein Bild zu zeigen, kann man damit irgendwas bewegen, verbessern?

7: Peter:

1. November 2017 um 17:20 Uhr

Es ist das Problem des Fernsehens, dass es sich für unverzichtbar hält und glaubt, immerzu Bilder, am besten bewegt und vertont, zeigen zu müssen. Emotionen wecken – um jeden Preis. Das ist der Fehler.

8: Christoph:

1. November 2017 um 19:15 Uhr

Schön dass sie das dreimal schreiben. Deswegen stimmt ihre "völlig berechtigte" Frage trotzdem nicht. Es gibt kein HTS in Ghouta. Sie meinen Idlib. In Ghouta wohnen übrigens mehr als 200.000 Menschen, da nützen die 3 LKW für die russischen Kameras überhaupt nichts.

Ansonsten muss man _natürlich_ diese Bilder zeigen, um zu vergegenwärtigen, was dort, in den sogenannten "Schutzzonen", für unfassbare Verbrechen begangen werden. Die nackten Zahlen; mehr als 500.000 Opfer, 80% Zivilisten, interessieren ja offensichtlich niemanden mehr.

9: STOPP:

1. November 2017 um 20:52 Uhr

Wichtig ist es, die Realität zu zeigen!

Was ist mit den realen Opfen von Hass, Gewalt und Krieg?

Mitgefühl oder eine angeschnittende Zwiebel bringen uns dazu, das wir Trenen verlieren.

Richtig, wenn Regelungen umgesetzt werden, die unser G.G. betreffen.

In virtuellen Gewaltspielen werden Kinder und viele Jugendliche auf Blut, Gewalt und das Vernichten/Sterben geschult.

10: Horst Helweg:

1. November 2017 um 21:22 Uhr

Vorweg erst einmal meinen Respekt vor dieser kritischen Reflektion.

Ich bin der Meinung, dass dieses Bild dargestellt werden darf, ja dargestellt werden muss. Natürlich ist es aufwühlend. Ich habe die ganze Nacht an dieses Bild denken müssen, es hat mich letztendlich dazu gebracht einige Zeilen dazu zu schreiben und es zu teilen auf meiner Timeline. Die Würde des Kindes wurde doch schon lange im Vorfeld nicht respektiert. Es wäre dann doch erst gar nicht in diese schlimme Situation gekommen. Dieses Bild zeigt doch klar, wie wenig überhaupt die Würde von Kindern von Kriegstreibern berücksichtigt wird. Ich gehe soweit zu behaupten, dass die Würde durch diesen Beitrag der Tagesschau wieder in den Mittelpunkt gerückt wurde. Ich behalte dieses Bild in meinem Herzen, somit auch die Erinnerung an diesen Menschen mit dem so kurzen Leben, und das mit allem Respekt im Licht der Würde dieses Kindes.

11: Phonomatic:

1. November 2017 um 22:24 Uhr

"Wichtig war, dass Pinar Atalay die Zuschauer in der Moderation darauf vorbereitet hat, dass der folgende Bericht nur schwer zu ertragen sein werde."

Auf tagesschau.de war der Bericht ja nun nicht anmoderiert und ich war überhaupt nicht auf die Bilder vorbereitet.

12: Julia Hoeffmann:

2. November 2017 um 09:24 Uhr

Ich erinnere mich deutlich an das Bild und daran geschockt gewesen zu sein dass es gezeigt wird. Ein solches Foto kann u.a.: Entwürdigung, Retraumatisierung, und Stigmatisierung bedeuten. Für das Wohl des Kindes müssen wir immer besondere Vorsicht walten lassen. Es ist schwierig die richtige Balance zu finden zwischen Zeigen und Schützen und ich finde es toll dass Sie Ihre Zweifel so offen teilen und Kommentare einladen.

13: Wolfgang Lohmann:

2. November 2017 um 09:32 Uhr

Wichtiger als der Grad der Grausamkeit der gezeigten Bilder erscheint mir die Form der Präsentation/ Einbettung der Inhalte in den Kontext zu sein.

Meiner Meinung nach sollten Sie zunächst nicht den Eindruck erwecken, alle Kinder in der Region seien derartig ausgehungert (falls man dem folgenden Video glaubt).

Zeigen Sie Bilder aus Fremdquellen, sollten Sie diese zumindest kritisch hinterfragen, wenn Sie diese schon nicht überprüfen können. Schauen Sie sich z.B. den Jungen bei 7:45 an, der offensichtlich solange mit dem Loslaufen wartet, bis die Kamera ihn im Bild hat. Auch der Beifahrer kurz zuvor hält untypisch lange die Beifahrertür offen.

Wenn auch mal Berichte vom Leben und der Meinungen der Bewohner von Damaskus oder West-Aleppo kämen (oder von den inzwischen stattfindenden Konzerten in der Zitadelle von Aleppo), die das "gute" Leben dem Grauen entgegenstellen, wären obige Bilder viel eher gerechtfertigt.

Andernfalls übertragen sich Zweifel schnell auf wahre Informationen.

14: Mingus:

2. November 2017 um 10:44 Uhr

Laut einer späterer Einlassung bzw. Ergänzung der Tagesschau zum Thema auf Facebook (die sich auf Fachleute berief) ist dieses Kind nicht allein an Hunger gestorben. Es litt an angeborenen Anomalien und starb schließlich an einer Lungenentzündung.

15: E. Sonnen:

6. November 2017 um 10:17 Uhr

Ein Bild analog ist fast immer ein Schnappschuss, digital jedoch garantiert ein fuer Manipulation u. Meinungslenkungsinstrument. Entweder geshopt, gestellt oder mit entstellenden Texten als eine Sinnkeule in die Medienwelt, sind solche Bilder gefaehrlicher, als jeder Megafon-Rufer und Pultredner es je erreichen koennte.

16: SchallundRauch:

9. November 2017 um 13:06 Uhr

Zwiespalt
Natürlich, einerseits muss man auch über Elend informiert werden. Und viele Menschen sind über Text / Ton nicht zu erreichen, sondern über Bilder. Allerdings sprechen Bilder meist mehr die Emotionen an als andere Optionen. Daher ist nicht nur darauf zu achten, ob die Menschenwürde der Gezeigten gewahrt bleibt und die Unversehrtheit des Zuschauers, sondern auch, welche Wirkung erzielt wird, vor allem wenn es um Kriegsgebiete geht:
– Achtet man darauf, dass man nicht einseitig vorgeht? Zeigt man die Nöte in anderen Kriegsgebieten genauso, oder nur, wenn Emotionen unterschwellig der einen Kriegspartei Vorwürfe machen?

Und da melde ich meine Zweifel an. Bekommen wir die Bilder komplett vergleichbarer Situationen auch gezeigt, wenn die Menschen unter den "Freunden" den Westens leiden? Und wie ist es mit dem Jemen, dort warnt immerhin die UN nun vor einen entsetzlichen Hungerkatastrophe durch Saudi-Belagerung. Wo bleiben da Bilder, Texte, Tonbeiträge im selben Ausmaß?

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