Skip to Content

ARD-aktuell Chefredaktion

8. September 2016

Griechenland-Berichterstattung im Ersten

Zur Kritik der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall an der Griechenland-Berichterstattung von ARD und ZDF, lässt sich folgendes sagen: Die Tagesschau hat über die griechische Finanzkrise über Monate umfassend und journalistisch ausgewogen berichtet. Alle wichtigen Entwicklungen wurden analysiert,  sowohl im Bereich der Politik wie auf den Finanzmärkten. Selbstverständlich wurden auch entscheidende Debatten im griechischen Parlament aufgegriffen. Die Stiftung bescheinigt uns, dass wir dem Thema Relevanz beigemessen und in Vielfalt berichtet haben. Und nicht nur wir: Natürlich hat die ARD in TV, Hörfunk und Online tausendfach die Thematik aufgegriffen. Untersucht wurde nur ein Ausschnitt.

Selbstverständlich stellen wir uns gerne jeder inhaltlichen Debatte, gerne anhand konkreter Berichte. Denn die gewählte Methodik der Studie führt eher in die Irre.

Es ist gerade bei Finanzthemen in kurzen Informationssendungen notwendig, die Ergebnisse von Recherchen auf den Punkt zu bringen. Wir betrachten es als eine journalistische Kernaufgabe, die krisenhafte Entwicklungen im Finanzsektor verständlich zu erklären und sachlich einzuordnen. Dies hat das Erste geleistet. Die Studie würdigt dies jedoch nicht. Sie kritisiert dieses Bemühen vielmehr: Wenn „Wertungen“ erfolgen, „entspricht dies nicht dem Qualitätsanspruch an Neutralität“. Bereits als Wertungen aufgefasst werden in der Studie Adjektive, Substantive oder Verben, „die andere Akteure beschreiben. Die Ausrichtung der Wertung ist für die Frage nach der Neutralität unerheblich“. Ist der Anteil solcher Wörter in einem Bericht „größer als null, so wurde das Gebot der Neutralität verletzt“. Das Zählen von Adjektiven ohne Kontext erlaubt aber keine Aussage über die Qualität eines Berichtes. In dieser Methodik läuft jegliche Hintergrundberichterstattung Gefahr, als nicht neutral angesehen zu werden.

Interessant ist, dass die Studie an anderer Stelle aber genau dies fordert: bessere Hintergrundinformationen. Den Sendern fehle es „zum Teil an analytischer Qualität“. Auch in diesem Punkt lohnt ein Blick auf die Systematik: „Eine hohe analytische Qualität kann attestiert werden, wenn viele Politikfelder in der Berichterstattung thematisiert werden.“ Genau dies macht aber eben nicht die Qualität von Nachrichten aus. Sie müssen schließlich das Relevante herausfiltern. Deshalb greift die Kritik an den Sendern auch nicht, dass „nur 63″ von 139 Reformen in Griechenland in der Berichterstattung auftauchten. Es ist Aufgabe, von Journalisten über die wichtigsten Reformen ausführlich zu berichten, nicht zwingend über alle. Es wird auch in Deutschland nicht über jede Bundestagssitzung berichtet, sehr wohl aber über wichtige Gesetzesinitiativen.

Ein weiterer Punkt, den die Studie nicht sachgerecht beleuchtet, ist die „Ausgewogenheit“ der Berichte. Sie liegt laut Studie dann vor, „wenn alle zentralen Akteure in gleichem Verhältnis auftreten“. Die deutsche Regierung sei in der Tagesschau häufiger zu Wort gekommen als die griechische. Dies liegt aber schon allein daran, dass die Tagesschau die innenpolitische Diskussion über die Griechenlandhilfen inklusive Bundestagsdebatten ausführlich abgebildet hat. Hierbei kam zum Beispiel auch die Linkspartei zu Wort, die für Verständnis für die griechische Seite warb. Die Berichterstattung war insgesamt angemessen und fair. Einen Rückschluss auf die Ausgewogenheit lässt das methodisch so erhobene Zahlenmaterial nicht seriös zu. Es hinkt bereits der Zahlenvergleich zur deutschen und griechischen Regierung, weil international sehr viele Regierungen und Organisationen (IWF etc.) mit der Krise in Griechenland befasst waren. Es galt, die relevanten Entwicklungen darzustellen, und dies ohne Strichliste.

Weiter schreiben die Autoren der Studie, dass „die griechische Regierung innerhalb der jeweiligen Beiträge von ‚Tagesschau‘ und ‚heute‘ deutlich häufiger negativ als positiv durch die Journalist*innen bewertet wurde“. Hierzu ist anzumerken: Erstens wird aus der Studie nicht klar, wann eine Formulierung als positiv oder negativ gewertet wird. Zweitens: In der „Tagesschau“ sind Kommentare nicht zulässig. Die Sendung berichtet über problematische Entwicklungen an den Finanzmärkten, fasst dabei die Kritik an Akteuren zusammen und nennt hierzu die Quellen. Der Zuschauer bekommt wertvolle Einordnungen auf Basis von Recherchen. Klar ist zudem: Bei der Beschreibung der griechischen Krise, die das internationale Finanzgefüge bedrohte, äußerten viele unabhängige Analytiker Kritik am griechischen Vorgehen. Diese spiegelte sich natürlich auch in den Berichten. Zu erwarten, dass bei einer Krise dieses Ausmaßes in der Berichterstattung „positive und negative Wertungen gleich verteilt“ werden müssen, führt Journalismus ad absurdum. Aber nur in diesem Fall kann laut Studie „von Ausgewogenheit gesprochen werden“. Dieser These ist klar zu widersprechen. Es ist natürlich ein wichtiger Standard, auch die Gegenseite zu hören („audiatur et altera pars“). Konflikte und Krisen müssen aber auch als solche benannt werden können. Die Methodik der Studie ist insgesamt leider pauschalierend und wenig hilfreich. Sie blendet zudem den Kontext der täglichen Berichterstattung aus und stützt sich auf unpassende Zahlenreihen.

Nochmal: Wir sind offen für eine kritische Begleitung unserer Berichterstattung. Davon kann jede Redaktion nur profitieren. Diese Studie hat aber leider einige Schwächen.

13 Kommentare

RSS Feed der Kommentare

1: Filipoutsos:

8. September 2016 um 19:25 Uhr

Liebe ARD und ZDF Mitarbeiter,

die Wissenschaftler die diese Studie verfasst haben, haben sich die ganzen Sendungen angeschaut und sich über mehrere Monate mit deren Inhalt auseinandergesetzt.

Sie haben Ihre Kritik wenige Stunden nach der Veröffentlichung dieser Studie geschrieben. Nehmen Sie sich die Zeit und schauen Sie sich einfach Mal an, was Sie da für Sendungen in 2015 ausgestrahlt haben.
Ich habe diese Krise sehr intensiv verfolgt und ich empfand die Sendungen in der „Prime-Time“ als sehr einseitig.
Es gab viele Sendungen dich ich als „neutral“ empfunden habe, jedoch liefen diese meistens nach 23 Uhr.

Eine etwas selbstkritische Betrachtung Ihrer Beiträge, würde vielleicht dazu führen, dass sie an Glaubwürdigkeit gewinnen.

2: pewehh:

9. September 2016 um 18:37 Uhr

Die Art, mit der Sie eine umfassende wissenschaftliche Studie in Zweifel ziehen, die sich kritisch mit Ihrer Berichterstattung auseinandersetzt, führt letztlich zur Verdrossenheit mit den ÖR-Medien. Sie hätten Ihre Stellungnahme auch auf einen Satz einkürzen können: „Wir haben Recht und die anderen keine Ahnung“.

Anstatt sich offen und selbstkritisch mit den Ergebnissen der Studie zu beschäftigen, ging es Ihnen ganz offensichtlich nur darum, sie abzuwerten. Das aber hinterlässt den Eindruck von Ignoranz und Arroganz. Müssten Sie nicht viel mehr Demut an den Tag legen und Kritik Ihrer Gebührenzahler ernster nehmen?

Immer wieder vermitteln Sie den Eindruck, allein die Wahrheit zu kennen und beanspruchen das Monopol auf seriösen Journalismus. Wenn dem so wäre, müssten Sie wissen, dass es zu jeder Sachlage mindestens zwei Blickwinkel und ebenso viele Wahrheiten gibt. Ausgewogen wäre es, wenn sie ausschließlich Fakten präsentieren und dem Zuschauer die Meinung überlassen würden.

3: Anja Böttcher:

11. September 2016 um 13:40 Uhr

Es ist wirklich nur noch ärgerlich: Ob bei der Griechenland-, der Euro- oder der Ukrainekrise oder der Flüchtlingsdebatte, früher schon bei der Darstellung des Islam oder der Serben – Pauschaulisierung und pejorative Färbung im Dienste der hegemonialen Agenda.

Die ist die einhellige Sicht der Mehrheit des Sie zahlenden Publikums und empirisch wie diskurstheoretisch ausgerichteter Medienforschung. Klar ist: Wir haben inzwischen einen öffentlichen Rundfunk, der bei guter finanzieller Ausstattung und einer weltweit beneidenswerten rechtlichen Absicherung eine Berichterstattung im Mainstream abliefert, die handwerklich defizitär ist, gegenüber Machtinstanzen sich anbiedert und gegenüber Entrechteten eine abstoßende Hybris an den Tag legt und eigene Kompetenzen übersteigt.

Sie aber maßen sich weiterhin das Recht auf die systematische Verletzung der Staatsverträge ab und bestreiten zahlreiche Beweise Ihres journalistischen Versagens. So ist der ÖR nicht mehr zu retten!

4: ohrenzwicker:

11. September 2016 um 15:53 Uhr

Es gibt leider Journalisten, die eigentlich gerne selbst Politik machen wollen, aber das ist nicht deren Aufgabe. Sondern sie haben die Politik kritisch zu hinterfragen. Genauso wenig hat ein bayerischer Politiker nicht über das ZDF zu befinden, denn das ist Ländersache. Obwohl … man könnte das ZDF auch privatisieren.

5: nie wieder spd:

12. September 2016 um 13:57 Uhr

Das Problem bei unseren Medien ist, dass diese Journalisten alle mal Karriere machen wollen. Ausgewogene Berichterstattung steht dem wohl im Wege. Da ist es auch völlig Gleichgültig ob es „nur“ um Geld geht, dass den Finanzspekulanten unnötig in den Rachen geworfen wird oder gar nichts m Menschenleben, die in der Ukraine einen Rechtsradikalen Mob geopfert werden, der von USA und EU unterstützt wird. Im Krieg in Syrien sieht es ähnlich aus. Aber in allen bundesdeutschen Medien wird gleich Schlecht und Einseitig berichtet. Die Ö/R sind leider nicht die Einzigen, die sich ihren Mut haben abkaufen lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes!

6: U.P.:

13. September 2016 um 07:51 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren, was mir von der Berichterstattung der Tagesschau über den Versuch der Regierung Tsipras mit der EU über die Austeritäts zu verhandeln in Erinnerung geblieben ist, war der grauhaarige bebrillte Herr vom BR der Abend für Abend der in ein selbstgerecht anmutender Art die Position der Regierung Tsipras als mehr oder weniger unhaltbar darstellte. Vielleicht würde es helfen dem BR die Berichterstattung aus Griechenland zu entziehen.
So eine Art Rotationsprinzip.
MfG

7: Johannes Richard:

14. September 2016 um 08:37 Uhr

Treffer, versenkt. Da traf eine fundierte Kritik wohl ins Schwarze. Souverän sieht anders aus. Gerade die Tagesschau muss sich nachsagen lassen, infaltionär mit Adjektiven umzugehen.“Rechtspopulistisch“, „verboten“ (warum wird das immer im Zusammenhang mit der PKK verwendet, ich versteh´s nicht), „islamistisch“ etc. etc. Dahinter steckt wohl die Hoffnung, dass die Wertung beim Zuschauer hängen bleibt.
„In der “Tagesschau” sind Kommentare nicht zulässig.“ Das druckt euch mal aus und hängt es euch groß an die Redaktionswand. Es wird doch alles kommentiert. Bei vielen Beiträgen gibt es doch eine „Einschätzung“ eines Redakteurs vor Ort als Einspieler. Jan Fleischhauer von Spiegel Online hat das mal als Nanny Journalismus bezeichnet:“Das ist das Enervierende am Nanny-Journalismus: Es gibt kein Bild und keinen O-Ton, bei denen man den Menschen nicht dazu sagt, welchen Reim sie sich darauf zu machen haben.“ Gerade die Tagesschau versucht regelmäßig, mir zu sagen, was ich zu denken habe.

8: Andreas Meyer:

14. September 2016 um 23:24 Uhr

Den oberen 7 Kommentaren, vor allem jenen von „Filipoutsos“ und „Anja Böttcher“ ist an dieser Stelle nichts mehr hinzuzufügen. Die Rechtfertigungsversuche der ARD-Redaktion (und vermutlich ihrer PraktikantInnen) sind weder fachlich noch inhaltlich dazu geeignet, die Kritik aus der Welt zu räumen (siehe die große Zahl von Programmbeschwerden, Studien und Veröffentlichungen und Antworten seitens der ARD).
Im angelsächsischen Sprachgebiet schüttelt man nur noch den Kopf über Deutschland …

9: ohrenzwicker:

15. September 2016 um 18:06 Uhr

@ 7: Johannes Richard: Jan Fleischhauer, das ist doch der, der bei den Sektempfängen bei Josef Ackermann war. Ihm ist als „kritischer Journalist“ damals auch nicht aufgefallen, dass die Kungelei in der „Initiative Finanzstandort Deutschland“ (IFD) mit der Bundesregierung ganz klar gesetzeswidrig war. Die Deregulierung der Banken haben wir alle dann ja auch zu spüren bekommen. Ich denke auf solche Journalisten können wir gut verzichten. (In Gedenken an Hajo Friedrichs.)

10: a.b.:

17. September 2016 um 14:55 Uhr

Die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall kann man auch nicht gerade als Hort der politischen und wirtschaftlichen Neutralität bezeichnen.
Das Problem liegt in einer inzwischen stark polarisierten Gesellschaft in denen die jeweiligen Gruppen Berichterstattungen dann als neutral ansehen wenn diese ihrer eigenen Überzeugung entsprechen.
Diese Polarisierung wird immer stärker, ob es um TTIP geht, Flüchtlinge, oder die Finanzkrise.
Bei der Finanzkrise geht es inzwischen um zwei Möglichkeiten:Die Schulden durch Austerität abzubauen oder durch noch mehr Schulden in der Hoffnung die Wirtschaft damit anzukurbeln.
Letzteres ist ein System was von der politischen Linken und somit auch von DGB-Organisationen bevorzugt – wenn nicht gar gewünscht wird.
Dementsprechend fällt dann auch die Kritik an den Medien aus, die diesem System nicht mainstreammäßig das Wort sprechen.

11: ohrenzwicker:

18. September 2016 um 09:36 Uhr

@ 10: a.b.: Richtig, aber wer erarbeitet denn den Reichtum, das sind doch diejenigen Malocher, die für wenig Geld hart ran klotzen müssen. Und die Renditejäger sammeln den Gewinn ein. Wenn man keine Schulden machen will, dann kann man auch die Steuern bei den hohen Einkommen, bei den Reichen und bei den Erben richtig hoch ansetzen. Steuern runter bedeutet den Staat abzubauen, wir brauchen aber einen gut funktionierenden Staat. Man kann auch die Diäten und Pensionen runterfahren, etwa auf 43% ? 😉

12: nie wieder spd:

20. September 2016 um 13:13 Uhr

@10: a.b.: Man könnte sich als Regierung auch mal um die 150 Milliarden Euro an Steuerhinterziehungen pro Jahr kümmern. Geklaut von unseren „Leistungsträgern“. Dann wäre die Austerität sowohl als auch fast alle Einsparungen der letzten Jahrzehnte auf Kosten der Malocher völlig Überflüssig gewesen. Aber auch davon bei der Tagesschau kein Wort. 0bwohl es in ARD und ZDF manchmal, meist zu nachtschlafender Zeit, durchaus gute Beiträge dazu gibt. Leider aber werden die von den eigenen Journalisten des Ö/R ignoriert.

13: Wollux:

31. Oktober 2016 um 04:12 Uhr

„Diese Studie hat aber leider einige Schwächen.“

Die Berichterstattung der Tagesschau – und besonders auch auf meta.ts.de – ist allerdings m.E. so schwach und einseitig, dass ich längst auf andere Medien ausgewichen bin!

Deswegen meine Bewunderung für die standhaften Kritiker der 1.sieben Beiträge – ich vermisse bei der Tagesschau eher Themen und Standpunkte, wie sie bei den „Nachdenkseiten“, beim „Freitag“, ja selbst beim „Tagesspiegel“ angesprochen werden.

Ich sehe die Berichterstattung der TS eher als US-Interessen-hörig, was internationale Streitthemen betrifft – was allerdings m.E. auch auf die Mehrheit der Medien in D zutrifft, weswegen ich da auch keine Lebenszeit mehr drauf verschwenden mag: Mich interessieren da mehr die Ansichten eher kritischer Journalisten: Die Einseitigkeit der TS fiel da besonders (nicht nur mir) bei Berichten über Syrien und die Ukraine auf – aber es enthalten fast alle berichte Wertungen im Sinne dieser TS-Agenda: Wer’s braucht – ich nicht!

Ihr Kommentar

Bitte geben Sie Name und E-Mail-Adresse an.
Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentarrichtlinien

Um zu verhindern, dass Gruppen oder einzelne Nutzer die Kommentarfunktion des Blogs für politische Werbung oder die Verbreitung von beleidigenden oder rassistischen Texten missbrauchen, sind wir gezwungen, Einträge nur nach vorheriger Kontrolle durch die Redaktion zu gestatten. Wir bitten um Verständnis.

Kommentarrichtlinien im Detail