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ARD-aktuell/Verifikation

23. Mai 2016

Detektivarbeit hinter den Kulissen der tagesschau

Manchmal ist es enorm, wieviel Arbeit hinter einer kurzen Meldung in der tagesschau steckt. So auch heute morgen, als wir über Anschläge in den syrischen Küstenstädten Jableh und Tartus erfuhren, bei denen mehr als hundert Menschen starben. Die ersten Berichte kamen – wie inzwischen oft – nicht mehr über die klassischen Nachrichrichtenagenturen, sondern über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Der Tweet verlinkt auf ein youtube-Video, das zerstörte Autos zeigt und ganz offensichtlich kurz nach einem Anschlag aufgenommen wurde. Doch kann man diesem Video trauen, stammen die Bilder überhaupt von heute und aus Jableh – oder sind sie älter und ganz woanders aufgenommen worden?  Auch heute war die Suche nach den richtigen Bildern Detektivarbeit.

1. Frage: Stammt der Film von heute?

Auf dem Video stand zwar das heutige Datum, das hat aber nur begrenzten Aussagewert. Es belegt allein, dass das Video heute hochgeladen wurde, nicht wann es tatsächlich entstand. Hilfreich ist hier die Bilderrückwärts-Suche über den Metadaten-Viewer. Amnesty International stellt diese Website allen Interessierten kostenlos zur Verfügung, mit einem Klick lässt sich feststellen, ob dieses oder ein ähnliches Bild schon im Internet verwendet wurde. Dies wäre ein eindeutiger Hinweis, dass es alt und nicht aktuell ist.

matadaten viewer

Doch in diesem Fall konnte diese Suche keine früheren Varianten finden. Kein Beweis – aber ein erstes Indiz, dass dieses Video von heute stammen könnte.

2. Frage: Ist dieses Video wirklich an diesem Ort aufgenommen worden?

Mit Hilfe von Google Maps und Fotodatenbanken kann man identifizieren, ob es sich im Video tatsächlich um den Anschlagsort handelt. In diesem Fall: sieht der Busbahnhof in Jableh so aus wie auf dem Video – oder ist es ein ganz anderer?

syrien panoramioAuf Panoramio sind auf einem älteren Bild deutlich die auseinanderstehenden, überdachten Busbahnsteige zu erkennen – wie auch auf dem Video. Auch mehrere Gebäude im Hintergrund ähneln den Gebäuden, die auf dem Film im Hintergrund zu erkennen sind. Und schließlich: auch andere Videos von dem Anschlag, die inzwischen im Netz aufgetaucht sind, zeigen denselben Ort. Das sie alle gefälscht sind, ist eher unwahrscheinlich. Kein Beweis – aber ein weiteres Indiz, das für die Authentizität des Videos spricht.

3. Frage: Ist die Quelle vertrauenswürdig?

Ein Twitterer mit einem sehr neuen Account oder sehr wenigen Followern oder Tweets würde uns stutzig machen. Doch das war bei “Ivan Sidorenko 1″ nicht der Fall. Auch wenn er sich auf Twitter das Pseudonym eines in der Sowjetunion als Kriegsheld gefeierten Kämpfers gegeben hat.  Er ist schon seit Oktober 2012 bei Twitter, hat fast 50.000 Tweets, überwiegend aus Syrien verfasst und mehr als 16.000 folgen ihm. Viele zitieren seine Fotos und Videos, sehen seine Berichte als glaubwürdig an. Ein “Fake-Account” scheint das also nicht zu sein.

Syrien autor tweet

Und natürlich arbeiten wir nicht alleine an solchen Recherchen: andere große europäische Sender wie die BBC oder France24 arbeiten rund um die Uhr ebenfalls daran, Bilder auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. In diesem Fall konnten uns die Kollegen der BBC helfen, die mit dem Twitterer schon mehrfach zusammengearbeitet hatten und ihn als glaubwürdig einstuften.

Insgesamt also eine Menge Indizien, die für die Authentizität des Videos von heute sprechen – und Anlass genug, den Film auch in unserer heutigen tagesschau zu zeigen. Eine Menge Detektivarbet für 25 Sekunden in der Sendung.

Michael Wegener

9 Kommentare

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1: Andreas:

23. Mai 2016 um 20:05 Uhr

Danke für den Blogbeitrag. Stelle mir solche Arbeiten immer extrem schwierig vor, gerade wenn es sich um neue Meldungen handelt. Gründliche Recherche ist aber bei solchen Nachrichten immer sehr wichtig.

2: Anderer Max:

24. Mai 2016 um 10:40 Uhr

Genau solche Beiträge entziehen dem Vorwurf der “Lügenpresse” ihre Grundlage. Recherche ist einfach nicht durch Phrasen zu ersetzen.

3: Martin:

24. Mai 2016 um 13:59 Uhr

Lieber “Anderer Max”,

der Vorwurf der “Lügenpresse” bezieht sich nicht auf mangelhafte Recherche, sondern darauf, dass sich Teile des politischen Spektrums nicht in der Berichterstattung fair wiederfinden, etwa indem von allen Interpretationen eines Sachverhalts immer die ungünstigte gewählt wird und das Prinzip von Richelieu benutzt wird: Gib mit eine Seite Text und ich finde einen Grund ihn aufzuhängen.

Ist die Berichterstattung unfair gegenüber politischen Minderheiten? Ich glaube schon, und ich bin kein Anhänger solcher Minderheiten.

Die wichtigste Frage hier ist auch nicht die nach der Quellenauthentizität, sondern die nach der Relevanz und Einordnung. Aus welchen Motiven kommt es zu einem solchen Anschlag? Welche Konfliktparteien stecken dahinter? Zuletzt, welche Konsequenzen hat das für uns.

Dass in einem Bürgerkriegsland solche Anschläge passieren ist eigentlich nur bedingt berichtenswert, da hier Gewalt in einem viel höheren Ausmaß an der Tagesordnung ist.

4: Anderer Max:

24. Mai 2016 um 15:41 Uhr

Lieber “Martin”,

danke für die Mitteilung Ihrer persönlichen Interpretation von “Lügenpresse”.
Ihre subjektive Präferenz an berichtenswerten Themen ist (ebenso wie jegliche Meinung halt) nur völlig egal.

Recherche hingegen fördert (objektive) Fakten.

5: ohrenzwicker:

25. Mai 2016 um 11:25 Uhr

Warum wurde das Wort “Lügenpresse” niemals von den Linken verwendet? Ganz einfach, weil es Goebbels verlogenerweise geprägt hat, um die freie liberale Presse mundtot zu machen, was er ja auch später tatsächlich getan hat.

6: Jens E:

25. Mai 2016 um 19:41 Uhr

Das wirft natürlich die Frage auf , wieviele dieser Recherchen wurden bei Videos aus Oppositionsquellen , der Al-Nusra Front oder den Al-Nusra nahestehenden White Helmets gemacht , wurde hier in der ARD auch immer so gründlich verifiziert ?
Mir sind einige Fälle aus den Programmbeschwerden an den Rundfunkrat bekannt, da wurde Falschmaterialen nachgewiesen.
Es wäre natürlich zu begrüßen , wenn die ARD aus ihren Fehlern gelernt hat und jetzt grundsätzlich Meldungen so gründlich überprüft.

7: Bundeswehropa:

30. Mai 2016 um 22:00 Uhr

Das Problem ist, das das ARD Büro für Syrien nun mal in Kairo seinen Sitz hat!

Sehr viele Bilder aus Syrien sind gestellte Fakes, um so echter und ergreifender sie aussehen, umso wahrscheinlicher ist es, das diese gestellt sind!

Kein Scherz! Man sollte immer ganz genau auf die Reaktionen von im Bild befindlichen Kleinkinder achten! Kleine Kinder können nicht schauspielern, weil sie dafür einfach noch zu jung sind! Sind die kleinen ruhig, schauen neugierig oder irritiert, dann liefern die netten Onkels vor der Kamera nur wieder einmal eine gestellte Show ab!

Das hat schon einen Grund, warum so wenige Kleinkinder in Hollywood- oder Fernsehfilmen mitspielen!

8: Peter Schulz:

8. Juni 2016 um 08:43 Uhr

Toll finde ich super

9: alpha kevin:

8. Juni 2016 um 08:44 Uhr

ich finde gut das die tageschau auch solche interesannten beiträge mit der öfentlichkeit teilt

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