Wer sind die Piraten?
von Jörg Schönenborn 18. September 2011 18:06 UhrGestern Nachmittag habe ich im Blog für ein bisschen Aufregung gesorgt, als ich geschrieben habe, dass unter den Piraten-Wählern auch Protest-Wähler seien. Nun konnte ich gestern noch nicht offen mit unseren Daten umgehen, aber hier ein paar Zahlen aus unserer Vorwahlumfrage der vergangenen Woche:
Das wichtigste für die Piraten-Wähler ist, dass die Partei dafür sorgt, „dass endlich auch mal die Jüngeren was zu sagen haben“. Das sagen 93 Prozent. Aber 86 Prozent sehen sie auch als eine „Alternative für die, die sonst gar nicht wählen würden“. Das deutet darauf hin, dass die Piraten im Lager der Nichtwähler einige Stimmen gewonnen haben dürften. Das Entscheidende aber ist: 59 Prozent der Piraten-Wähler sagen, die Partei hätten sie „gewählt, um den anderen Partei einen Denkzettel zu verpassen“. Das ist natürlich nichts Schlimmes, aber es ist das Kennzeichen von Protest-Wählern.
Jetzt aber ein paar spannende Daten aus unserer Wahltagsbefragung mit 20.000 Interviews in den Wahllokalen. Das Ganze ist noch nicht vollständig ausgewertet, die Zahlen können sich im Detail noch ändern, aber die Trends sind klar: Wieder mal haben die Jungen Piraten gewählt, aber diesmal reicht die Wählerschaft bis Mitte 30, also deutlich höher als etwa bei der Bundestagswahl. Unter den 18- bis 34-Jährigen erreichen die Piraten 15 Prozent und auch in der mittleren Altersgruppe zwischen 35 und 44 Jahren sind es erstaunliche neun Prozent. Nur darüber bricht es ab. 45 bis 59 Jahre sieben Prozent und bei den über 60-Jährigen drei Prozent.
Ihr gutes Ergebnis verdanken die Piraten nicht nur den Erstwählern (14 Prozent Wähleranteil), sondern vor allem den Kurzentschlossenen. 13 Prozent derer, die sich erst in der vergangenen Woche zum Wählen oder für eine Partei entschlossen haben, haben den Piraten ihre Stimme gegeben und dafür für deutlich bessere Werte gesorgt, als sie nach den Umfragen der vorletzten Woche zu erwarten waren.
Und noch ein paar Trends: überdurchschnittliche Ergebnisse erreichen die Piraten unter Selbständigen und unter Arbeitslosen, für ihre Wähler ist das Thema soziale Gerechtigkeit das Wahlentscheidende. Und der Bildungsstand der Piraten ist leicht überdurchschnittlich: unter Abiturienten und Hochschulabsolventen erreichen sie zehn Prozent der Stimmen.









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18. September 2011, 18:16 Uhr
Warum wird die 60+ nicht weiter aufgespalten? Das sind enorme Unterschiede zwischen 60 und 80.
18. September 2011, 18:31 Uhr
Kopf hoch FDP, bleiben Sie euch treu. Die Menschen wollen in Deutschland keine Milliardentransfers mehr nach Griechenland. Für die Berliner war es einfach zu kurzfristig, so das es nach einem Wahlmannöver aussah. Halten Sie Kurs dann wird die FDP in den kommenden Wochen in Deutschland wieder gewinnen! die Spd hat verloren obwohl sie in der opposition ist weil die menschen keine milliardentransfers nach griechenland mehr wollen…
18. September 2011, 18:33 Uhr
Liebe ARD, bitte schenkt den Grünen etwas Licht für ihre Wahlkampfparty. Frau Kühnast steht im dunkeln und wirkt, als sei sie in den letzten Stunden um Jahrzehnte gealtert. Zu einer fairen Berichterstattung gehört auch eine ausgewogene Beleuchtung.
18. September 2011, 18:38 Uhr
In meinem Freundeskreis haben sehr viele Perosnen die Piraten gewählt.
Hauptargument bei den meisten war eher die “nicht auswendig gelernten” Politikersätze, die man von allen anderen Parteien kennt. Die Piraten wirken offener und ehrlich und dementsprechend symaptischer – eine Partei der man eher Glauben schenkt und keine leere Wahlversprechungen.
(Mit dem Sympatieträger Wowereit hat nun ja auch die SPD den Wahlkampf gewonnen.)
Außerdem greifen die Piraten Themen auf, die unter den anderen Parteien nicht genügend thematisiert werden – Internet ist heutzutage bei jedem Bürger im Leben integriert und das Ergebnis dient vielleicht nun als Wink für die anderen Parteien, verstärkt darauf einzugehen.
18. September 2011, 19:01 Uhr
die piraten ziehen ein.. und das in berlin.. ?!?!?!?!?was da denn los.?!
18. September 2011, 19:01 Uhr
Eigentlich ist es doch gar kein Wunder, dass die Piraten gewählt worden sind. Endlich einmal eine Partei, die öffentlich zugeben kann, dass man Lösungen erst SUCHEN und BESPRECHEN muss, anstelle der etablierten Parteien, welche mit Eloquenz und brillianter Rhetorik über die Tatsache hinweg täuschen, dass sie diese Lösungen eben auch nicht haben. Die Piraten machen das, was der Bürger schon lange will – EHRLICHE Politik.
Bezeichnend die Aussage einer Piratin vor NRW vor knapp zwei Jahren. Als sie gefragt wurde, wie man den Neubau einer Brücke finanzieren wolle, antwortete sie, im Gegensatz zu den ebenfalls versammelten Vertretern etablierter Parteien, klipp und klar, dass sie das nicht beantworten könne ohne die genauen Zahlen zu kennen und ohne ausgiebig zu studieren, wie sich ein solches Vorhaben finanzieren ließe. DAS ist Ehrlichkeit, liebe Freunde von CDU, SPD, Grünen und den Linken.
18. September 2011, 19:13 Uhr
Haben die Piraten denn die 14 Mann/Frau überhaupt die sie ins Rathaus einziehen lassen wollen? Da die Piraten selbst wohl noch nicht recht wissen wogegen oder wofür sie nun genau stehen, dürfte es interessant werden. Sprich sicher ist wohl dass sie für Medienvertreter eine billige und wohl unendliche Quelle für Tratsch abgeben.
18. September 2011, 19:14 Uhr
Ich verstehe nicht, warum die Journalisten im Fernsehen versuchen die Piraten bloßzustellen durch z.B. unsachliche Fragen bezüglich der Abgeordnetendiäten (im rbb).
18. September 2011, 19:15 Uhr
Die Piraten sind eine Bewegung, die ernst genommen werden müssen. Sie sprechen Themen an, die andere verschweigen und besitzen zwar nicht überall vollste Kompetenz, sind dafür auf anderen Gebieten kompetenter als die anderen Parteien.
Wie mit den Piratenmitgliedern in den Interview umgegangen wird, finde ich nicht in Ordnung. Man versucht sie herunterzuspielen und nimmt sie nicht ernst. Der Kollege vom RBB zu den Diäten im Abgeordnetenhaus: Das ist viel Geld für einen Piraten!
18. September 2011, 22:37 Uhr
@HubertD
Die Piraten ziehen nicht in das Rathaus ein, sondern in das Abgeordnetenhaus. Und wahrscheinlich auch in die ein oder andere Bezirksverordnetenversammlung.
18. September 2011, 22:51 Uhr
Also wenn ich die Piraten wegen ihrer Haltung zu Transparenz und mehr direkter Demokrate wähle, ist das natürlich auch mein Protest gegen lobbyismushörige, ritualisierte, fraktionsdisziplinierte und intransparente Hinterzimmer-Politik von CDU oder SPD. Aber ist das deswegen eine Protestwahl? Ist es dann auch eine Protestwahl, wenn ein Neoliberalismus-Jünger FDP statt SPD wählt, weil er “gegen Gleichmacherei” ist und Deutschland bereits jetzt für “zu sozialistisch” hält? Was genau unterscheidet denn so einen “Protestwähler” von einem Wähler, der sich für eine Partei und ein Programm entscheidet, weil er die anderen eher nicht so gut findet? Wenn jetzt bei der BTW Leute SPD wählen aus Protest gegen die schwarzgelbe Regierung, ist dann die SPD auch eine Protestpartei?
18. September 2011, 22:53 Uhr
Deutschland braucht endlich mal wieder eine jüngere Partei, eine mit VISIONEN und Zielen. Nicht dieses schwachsinnige Gerede und “Hin-und-her-geschwimme” der meisten Parteien. Kaum einer bleibt seiner Linie komplett treu, sondern es wird versprochen, gelogen und gebrochen – kurz es wird nur nach Wählerstimmen gefischt. Auch wird meistens nicht weit gedacht, nur bis zur nächsten Wahl. Alles zielt auf Kurzzeiteffekt um die Wählerstimmen hochzupushen ohne mal endlich über Langzeitkonsequenzen nachzudenken. Das ist doch das was unser Land wirklich braucht. Und nicht die Karriere irgwelcher schmieriger Politiker.
Es ist enttäuschend und mich wundert es nicht, dass so genannte “Protestwähler” entstehen. Wen will man denn auch noch wählen?!
18. September 2011, 23:01 Uhr
@alex Hast du irgendwelche seriösen Statistiken zu deiner Aussage? Bitte als Quelle nicht die Regenbogenpresse angeben.
Zum Thema an sich, ich finde es grandios das so viele (ehemalige) Nichtwähler ihr Kreuz gesetzt haben
19. September 2011, 10:40 Uhr
Hallo Herr Schönenborn,
war die Farbe ihrer Krawatte bewusst gewählt?
19. September 2011, 16:43 Uhr
@neugier: Nett formuliert, aber ganz so abwegig ist das doch nicht. Offensichtlich haben viele Wähler die Piratenpartei eben vor allem gewählt, um den etablierten Größen einen Denkzettel zu verpassen, und weniger aufgrund der politischen Positionen der Piraten. Dies gilt umso mehr, da die politischen Ziele der Piraten vergleichsweise diffus waren und sind (weshalb sie sich für einen Protest besonders gut eignet). Als Protestpartei kann man sie m.E. dann bezeichnen, wenn ein signifikanter Anteil der Wähler von solchen Protest-Motiven getrieben ist. Das wird man bspw. bei den Sozialdemokraten nicht in dem Umfang behaupten können, weshalb sie nicht als solche bezeichnet wird.
19. September 2011, 16:49 Uhr
[...] Jörg Schönenborn, der Wahlkommentator von ARD, analysierte die gestrige Wahltagsbefragung auf seinem Blog so, dass die Wahl der Piratenpartei in erster Linie altersabhängig ist. Bei den unter 35jährigen machten sie jede 6. Stimme. Je älter die Wählenden jedoch sind, desto kleiner wurde ihr Anteil. Uebervertreten sind die Piraten auch bei selbständig Erwerbenden und bei Männern. Selbstredend ist eine hohe Internetaffinität die wichtigste Voraussetzung der Wahl. [...]
20. September 2011, 15:15 Uhr
Warum wird wirklich die Piraten-Partei gewählt? Die Menschen können Dank des Internets die Wahrheit immer mehr erkennen.
Wenn die Menschen verstehen, dass die Mächtigen in jedem Land und jeder Kultur sich in ihre Nationalflagge hüllen, eine äußere Gefahr künstlich produzieren der die Nation bedroht, und die Bevölkerung mit einem selbst erschaffenen Sündenbock manipulieren, dann passiert etwas erstaunliches, sie wachen auf.
Die Menschen werden aufstehen und neue Formen der Regierung verlangen, die nicht mehr sich nur durch Verbrechen an der Macht halten. Die nicht mehr die Fakten verdrehen, Kriege basierend auf Lügen führen und die Wahlen fälschen, sich dabei dumm und dämlich verdienen, alles auf Kosten der Bevölkerung. Sie haben es satt festzustellen, die Elite hat nur eines im Sinn, mehr für sich zu raffen und immer weniger für alle anderen.
Sie verlangen eine wirkliche Demokratie, wo die Verfassung eingehalten und nicht systematisch zerstört und abgebaut wird.
20. September 2011, 18:32 Uhr
Warum wurde zur ” Berliner Runde” kein Vertreter der Piratenpartei eingeladen? Obwohl die CSU
dort, nach meiner Meinung nichts zu suchen hatte, durfte deren Vertreter mit völlig undisplizierten
Zwischenrufen, vor allem die anwesenden Damen stören und deren Argumente für die Zuschauer unverständlich machen, Eine Unart, die sich iimmer verbreitet und die Zuschauer verärgert.
20. September 2011, 20:57 Uhr
@Jan-Christian
Sicher haben auch Leute die Piraten gewählt, um (unreflektiert) den Regierenden den berühmten Denkzettel zu verpassen. Aber sie hatten x Kleinparteien zur Verfügung, aller Schattierungen. Rechtspopulisten, Linksradikale, Nazis. Sie haben sich aber die linksliberale angebliche “Chaostruppe” ausgesucht, bei der ganz groß Transparenz dransteht (und Internet).
Und zur SPD: Ich las kürzlich erst eine Statistik, nach der etwa ein Drittel die wirklich wegen des Programms wählt. Ein weiteres Drittel oder mehr, weil der Wowi so ein super Typ ist oder der Steinbrück so toll Klartext redet – sehr gefühlig-unreflektiert. Die berühmten “Wechselwähler” sind sicher auch nicht so aufs Programm fixiert, sondern eher auf die “Wechselstimmung” oder eben auf Protest gegen die “schwarzgelbe Truppe”. Dazwischen gibt es noch viele Graustufen.
Ich glaube bei den Piraten nicht an das Zerrbild des zornesroten “Protestwählers” (der Cousin vom “Wutbürger?”).
21. September 2011, 19:37 Uhr
@17 Günther
Ihre Meinung in allen Ehren. Sie können allerdings Gier, Machtgelüste, Lügen und Kriege nicht aus der Welt schaffen. Eine Elite wird sich immer, das lehrt die Geschichte, holen, was sie sich wünscht.
Wovor ich noch größere Angst empfinde, sind neben manchem Werteverfall eine sich breit machende Unverbindlichkeit, Willkür und Dummheit!
Medienwirksam müssen unsere PolitikerInnen sein, sympathisch müssen sie daherkommen, etwas locker und unverbindlich müssen sie daherreden und aus einer Laune heraus das Wunschprogramm diskutieren. Die wahren Probleme wie Verschuldung müssen sie nicht kennen oder besser ignorieren wegen der komplizierten hohen Zahlenwerte – das reicht mittlerweile zu einem überzeugenden Ergebnis.
Das alles macht mich genauso mutlos wie die von Ihnen beschriebenen Ungerechtigkeiten.