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Auslandskorrespondenten

30. Mai 2014

Helikopterabsturz Slowjansk, Ukraine

Die Manipulation von Informationen und Bildern ist im Ukraine-Konflikt ein gängiges Muster. Als Korrespondenten sind wir um höchste Sorgfalt bemüht. Das ARD-Team prüft unter hohem Zeitdruck Quellen, ordnet ein und hat selbst Manipulationen aufgedeckt und hierüber berichtet. Trotz unseres intensiven Bemühens, ist uns nun ein Fehler unterlaufen. Das ukrainische Fernsehen hat gestern einen kurzen Ausschnitt von einem abstürzenden Helikopter gezeigt, den wir – neben authentischen Material der Nachrichtenagentur AP – als etwa zweisekündige Sequenz in Beiträge aufgenommen haben. Tatsächlich stammen die Bilder des abstürzenden Hubschraubers nicht aus Slowjansk, sondern aus Syrien, und sie sind vom vergangenen Jahr. Die Bilder wurden von anderer Seite offensichtlich gezielt manipuliert: Es wurde eine Ausschnittsvergrößerung vorgenommen, zugleich wurde ein neuer Ton unterlegt.

Die Tatsache des Abschusses selbst war zu dieser Zeit gestern unstrittig. Uns fehlte an dieser Stelle sicher das nötige Misstrauen, mit dem wir sonst an externes Bildmaterial herangehen. Dafür entschuldigen wir uns und bedauern es sehr. Die Bilder sind im Archiv und Netz inzwischen ausgetauscht worden, die Veränderung wurde kenntlich gemacht.

Unsere Beiträge haben die Geschehnisse ansonsten korrekt wiedergegeben, der Kontext ist richtig. Nach Aussage der OSZE verfügen die Separatisten im Raum Slowjansk tatsächlich über Boden-Luft-Raketen und haben mit diesen auch in der Vergangenheit erfolgreich ukrainische Hubschrauber abgeschossen.
 
Dennoch: Unser Misstrauen fremden Quellen gegenüber ist noch weiter geschärft worden. Wir danken dem User, der uns auf den tatsächlichen Ursprung des Videos hingewiesen hat!

ARD-aktuell

26. Mai 2014

Andrei Mironow stirbt durch Mörserbeschuss

Der militärische Konflikt im Osten der Ukraine ist täglich Teil unserer Berichterstattung. Unsere Korrespondenten leisten wertvolle Aufklärungsarbeit in einem sehr gefährlichen Umfeld. Dies ist am Wochenende noch deutlicher geworden: Der italienische Journalist Andrea Ronchelli starb am Samstag nahe der Rebellenhochburg Slawjansk durch Mörserbeschuss. Neben ihm wurde auch ein “Übersetzer” getötet, verbreiteten die Agenturen. Er heißt Andrei Mironow und hat wertvolle Arbeit auch für die ARD geleistet. WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich, die mit ihm zusammengearbeitet hat, hat uns mit folgenden Zeilen informiert:

Die Gewalt in der Ukraine ist soeben bei mir persönlich angekommen. Einer meiner besten Kontakte während des Tschetschenienkrieges, Andrei Mironow starb gemeinsam mit dem italienischen Fotografen Andrea Ronchelli in der Ostukraine. Sein Tod ging etwas unter, vielleicht, weil er ‘nur’ der Übersetzer war. Aber Andrei war durch und durch politischer Kopf und analytischer Journalist. Dazu Menschenrechtler der ersten Stunde. Er saß als Dissident im sowjetischen Lager und half später uns westlichen Journalisten, das neue Russland zu verstehen. Die Tagesschau, Tagesthemen, der Weltspiegel – sie verdanken dem Mann im Hintergrund gute Themen und gute Einordnung. Er war anständig, gebildet, unendlich hilfsbereit. Ich mochte seinen Mut und Scharfsinn. Ich bin traurig, wütend.”

Wir trauern mit ihr!

 

Auslandskorrespondenten

24. Januar 2014

Die Erde hat mich wieder – Erlebnisse in deutschen und US-Behörden

Vor kurzem sind meine Frau und ich wieder Eltern geworden. Das ist schön und sorgt für viele neue Erfahrungen – auch mit deutschen und amerikanischen Behörden. Der kleine Kerl hat nämlich das Glück einer doppelten Staatsbürgerschaft, denn wer in den USA zur Welt kommt, ist automatisch auch Amerikaner.
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Auslandskorrespondenten

6. Dezember 2013

Mit Mandela auf Robben Island

Zum ersten Mal bin ich ihm bei einer Pressekonferenz im ANC-Hauptquartier in Johannesburg begegnet. Er war fröhlich, scherzte mit einigen Journalisten, die er kannte. So hatte er in der späteren Haft immer einem bestimmten Hörfunkreporter gelauscht – und mit einem anderen imitierte er sogar einen kleinen Faustkampf. Kaum hatte er Platz genommen, war klar, wer hier den Raum beherrschte.

Mandela, großgewachsen und etwas hüftsteif von den Jahren der Fronarbeit im Steinbruch, besaß eine gewaltige Aura. Er zog alle in seinen Bann, schließlich war er die menschgewordene Geschichte: Der Kampf gegen Apartheid – und dann reicht er seinen Peinigern ungebeugt die Hand zur Versöhnung und rettet sein Land, Südafrika, vor einem möglichen Bürgerkrieg. Wer sonst hätte das gekonnt? Wo auf der Welt gab es noch einen Menschen solcher Größe und moralischer Autorität? In Nahost? Fehlanzeige. In den USA? Entzaubert.

Das machte ihn aus.

Meine eindrücklichsten Begegnungen mit ihm? Zum einen der Tag, an dem seine Frau Winnie Mandela verurteilt wurde. Er, im Trenchcoat, auf den Stufen vor dem Johannesburger Gericht. Als würde die Geschichte ihn nochmals bestrafen: Jahrzehnte ohne seine Familie und nun wurde ihm seine Frau, die unter dem Apartheid-Regime unter Verbannung, Isolation und Unterdrückung gelitten hatte, wieder genommen. Später trennten sie sich. Er hatte Tränen in den Augen, das erste und einzige Mal öffentlich.

Denn Mandela besaß eiserne Disziplin und war gegenüber seiner Familie und der Öffentlichkeit kaum zu Gefühlen fähig. Er glaubte, dass Staatenlenker keine Schwäche zeigen dürfen. Übrigens waren die tagesthemen die weltweit einzige Nachrichtensendung, die zu dieser Trennung keinen Reporterbericht bestellten. :-)

Am nächsten Tag waren alle Kolleginnen und Kollegen bei den tagesthemen aber untröstlich… zu Recht.

Zum anderen bleibt für mich eine Begegnung vor den ersten freien Wahlen (im April 1994) auf der Gefangeneninsel Robben Island. Jeweils zwei Kamerateams bekamen eine kurze Zeit mit ihm in seiner ehemaligen Zelle. Ein winziger Raum. Er beschrieb das Bett, seinen Tagesablauf, wie er sich fit hielt – und schaute durch die Gitterstäbe nach draußen. Das brachte mich auf eine Idee.

Anschließend – ich machte als Korrespondent bei diesem Einsatz auch Ton – fuhr ich draußen im Gefängnishof vor dem vergitterten Fenster das Mikrophon so weit aus, dass ich ihm eine Frage zurufen konnte. Und tatsächlich antwortete er – zum Ärger der Fernsehteams drinnen um ihn herum. Er habe zu dieser Zeit nie geglaubt, dass er einmal Präsident Südafrikas werden könne. Nun werde er tun, was sein Volk von ihm verlange. Der O-Ton, exklusiv für die ARD, ging um die ganze Welt. Seinen Blick durch das Gitter werde ich nie vergessen.

In den 90er Jahren war es nicht üblich, große Veranstaltungen aus dem Ausland live in der ARD zu übertragen. Zu groß das technische Risiko. Doch Mandelas Amtseinführung als Präsident – da machte die ARD eine Ausnahme. Zwei Stunden berichtete ich mit meinem Kollegen Stefan Schaaf live. Die Veranstaltung begann mit großer Verspätung, sodass wir viel mit Gesprächen über Stars wie Miriam Makeba und andere überbrücken mussten. Aber alle waren fröhlich.

Mandela strahlte und er hat dieses Lächeln nie abgelegt. Mit unbedingter moralischer Autorität, aber auch mit dem Gespür dafür, was zu tun war, machte er sich daran, die Wunden zu heilen, die die Rassentrennung aufgerissen hatte. Das macht ihn groß – und deshalb werde ich ihn immer verehren.

Andreas Cichowicz ist Fernseh-Chefredakteur des NDR. 1991 bis 1994 war er Leiter und Korrespondent des ARD-Studios in Johannesburg.

Auslandskorrespondenten

31. Oktober 2013

Parteien, die die Welt nicht braucht

Die armen Ungarn ! Da beschwert sich der Magyar-Nemzet-Korrespondent in Brüssel, dass wir nur über Rechtsextremismus berichten. Wahrscheinlich ist er zu weit weg von zu Hause. Denn seit heute gibt es schon wieder eine neue Rechtsaußen-Partei, die keiner braucht: “Ungarische Morgenröte”. Vorbild, der Name sagt es schon: Die griechische Neonazi-Partei gleichen Namens, die Mörder und Schläger in ihren Reihen hat.

Einer der Gründer der ungarischen “Morgenröte” sitzt schon im Parlament – früher Jobbik-Abgeordneter, jetzt “unabhängig”. Der Chef der 10-Mann-Partei ist auch ein Ex-Jobbik-Mann, der letztes Jahr rausflog, weil er die Partei angeblich spalten wollte.

Das Gute deshalb: die “neuen” Radikalen wenden sich auf Ihrer Internet-Seite vor allem gegen die alten Kumpels von Jobbik.

www.magyarhajnal.com

Das Parteilogo soll wohl entfernt an eine Svastika erinnern, man kann es aber auch mit einem Lüftungspropeller oder einem Bumerang verwechseln.

In diesem Sinne

Auslandskorrespondenten

30. Oktober 2013

Hungaricum

„Listen Shitheads“, so beginnt ein Brief des Brüsseler Korrespondenten der regierungsnahen ungarischen Tageszeitung „Magyar Nemzet“ an die Kollegen der Auslandspresse in Ungarn. István Lovas zieht darin so richtig vom Leder. Die ausländischen Korrespondenten in Ungarn hätten die „gigantischen Skandale der Sozialisten“ vergessen zu erwähnen.

Lovas bezieht sich aktuell auf den Streit um ein angeblich gefälschtes Video, das Stimmenkauf im südungarischen Baja zugunsten der Regierungspartei Fidesz zeigen soll (Cathrin Kahlweit berichtete in der „Süddeutschen Zeitung“ darüber). Derzeit wird geklärt, ob die Sozialisten nicht vielleicht die Auftraggeber des Videos waren. Die Wochenzeitung „HVG“ räumte ein, „voreilig“ gehandelt zu haben, als sie die Story als “klaren Beweis für den Wahlbetrug des Fidesz” veröffentlichte, Chefredakteur Gábor Gavra nahm seinen Hut.

Der „Magyar-Nemzet-Korrespondent“ kommt jedenfalls in seinem Brief zu dem Schluss: Sicher werde die ausländische Journaille schon bald wieder „Dutzende Artikel über Antisemitismus schreiben und das Verschwimmen von Regierungspartei und Rechtsextremen“. Es folgt noch ein Gruß an die „Arschlöcher“ und die Empfehlung: „Fresst Scheiße, um  Eure Ernährung umzustellen, die Euch von Euren Verlegern verordnet wurde“. Der Brief ist kein Fake. Er ist echt. Lovas hat gegenüber HIPA, dem ungarischen Verband der Auslandspresse bestätigt, ihn genau so geschrieben zu haben.

Wie verzweifelt muss man eigentlich sein, um auf diesem Niveau zu kommunizieren ?

Jedenfalls hat sich Lovas mit diesem Brief keinen Gefallen getan: Auf der Internet-Seite des Investigativ-Portals átlátszó.hu hagelte es hämische Kommentare. Einer fragt, warum Lovas eigentlich im Ausland studiert hat. Diese Sprache hätte er auch zu Hause lernen können. Einer macht darauf aufmerksam, dass sich “gerade wieder eine Nazi-Partei gründet”. (Ehemalige Mitglieder der rechtsextremen Partei “Jobbik”, die im ungarischen Parlament ist, wollen dem Vorbild der griechischen “Morgenröte” folgen.)

Auf Átlátszó.hu ist der Originalbrief von Lovas veröffentlicht:

http://atlatszo.blog.hu/2013/10/29/egyetek_szart_seggfejek_lovas_istvan_a_kulfoldi_tudositoknak

BBC-Reporter Nick Thorpe, den Lovas als lobendes Gegenbeispiel erwähnt, wehrt sich gegen die Lovas-Lorbeeren in der linken Tageszeitung “Népszava”: “Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde”. Mit den ausländischen Korrespondenten-Kollegen in Ungarn erklärte sich Thorpe “solidarisch”.

Danke.