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Andreas Cichowicz


Auslandskorrespondenten

6. Dezember 2013

Mit Mandela auf Robben Island

Zum ersten Mal bin ich ihm bei einer Pressekonferenz im ANC-Hauptquartier in Johannesburg begegnet. Er war fröhlich, scherzte mit einigen Journalisten, die er kannte. So hatte er in der späteren Haft immer einem bestimmten Hörfunkreporter gelauscht – und mit einem anderen imitierte er sogar einen kleinen Faustkampf. Kaum hatte er Platz genommen, war klar, wer hier den Raum beherrschte.

Mandela, großgewachsen und etwas hüftsteif von den Jahren der Fronarbeit im Steinbruch, besaß eine gewaltige Aura. Er zog alle in seinen Bann, schließlich war er die menschgewordene Geschichte: Der Kampf gegen Apartheid – und dann reicht er seinen Peinigern ungebeugt die Hand zur Versöhnung und rettet sein Land, Südafrika, vor einem möglichen Bürgerkrieg. Wer sonst hätte das gekonnt? Wo auf der Welt gab es noch einen Menschen solcher Größe und moralischer Autorität? In Nahost? Fehlanzeige. In den USA? Entzaubert.

Das machte ihn aus.

Meine eindrücklichsten Begegnungen mit ihm? Zum einen der Tag, an dem seine Frau Winnie Mandela verurteilt wurde. Er, im Trenchcoat, auf den Stufen vor dem Johannesburger Gericht. Als würde die Geschichte ihn nochmals bestrafen: Jahrzehnte ohne seine Familie und nun wurde ihm seine Frau, die unter dem Apartheid-Regime unter Verbannung, Isolation und Unterdrückung gelitten hatte, wieder genommen. Später trennten sie sich. Er hatte Tränen in den Augen, das erste und einzige Mal öffentlich.

Denn Mandela besaß eiserne Disziplin und war gegenüber seiner Familie und der Öffentlichkeit kaum zu Gefühlen fähig. Er glaubte, dass Staatenlenker keine Schwäche zeigen dürfen. Übrigens waren die tagesthemen die weltweit einzige Nachrichtensendung, die zu dieser Trennung keinen Reporterbericht bestellten. :-)

Am nächsten Tag waren alle Kolleginnen und Kollegen bei den tagesthemen aber untröstlich… zu Recht.

Zum anderen bleibt für mich eine Begegnung vor den ersten freien Wahlen (im April 1994) auf der Gefangeneninsel Robben Island. Jeweils zwei Kamerateams bekamen eine kurze Zeit mit ihm in seiner ehemaligen Zelle. Ein winziger Raum. Er beschrieb das Bett, seinen Tagesablauf, wie er sich fit hielt – und schaute durch die Gitterstäbe nach draußen. Das brachte mich auf eine Idee.

Anschließend – ich machte als Korrespondent bei diesem Einsatz auch Ton – fuhr ich draußen im Gefängnishof vor dem vergitterten Fenster das Mikrophon so weit aus, dass ich ihm eine Frage zurufen konnte. Und tatsächlich antwortete er – zum Ärger der Fernsehteams drinnen um ihn herum. Er habe zu dieser Zeit nie geglaubt, dass er einmal Präsident Südafrikas werden könne. Nun werde er tun, was sein Volk von ihm verlange. Der O-Ton, exklusiv für die ARD, ging um die ganze Welt. Seinen Blick durch das Gitter werde ich nie vergessen.

In den 90er Jahren war es nicht üblich, große Veranstaltungen aus dem Ausland live in der ARD zu übertragen. Zu groß das technische Risiko. Doch Mandelas Amtseinführung als Präsident – da machte die ARD eine Ausnahme. Zwei Stunden berichtete ich mit meinem Kollegen Stefan Schaaf live. Die Veranstaltung begann mit großer Verspätung, sodass wir viel mit Gesprächen über Stars wie Miriam Makeba und andere überbrücken mussten. Aber alle waren fröhlich.

Mandela strahlte und er hat dieses Lächeln nie abgelegt. Mit unbedingter moralischer Autorität, aber auch mit dem Gespür dafür, was zu tun war, machte er sich daran, die Wunden zu heilen, die die Rassentrennung aufgerissen hatte. Das macht ihn groß – und deshalb werde ich ihn immer verehren.

Andreas Cichowicz ist Fernseh-Chefredakteur des NDR. 1991 bis 1994 war er Leiter und Korrespondent des ARD-Studios in Johannesburg.