1. November 2008, 23:31 Uhr - von Jörg Schönenborn
Die Reaktionen hier im Blog haben mir noch mal klargemacht, wie viele Menschen in Deutschland vor allem die Sorge haben, ob es hier bei den Wahlen in den USA fair zugeht. Und das kann ich verstehen. Die Fernsehsender machen fast jeden Tag Wähler-Beratung - so nach dem Motto: Was tun, wenn Ihr Name nicht im Wählerverzeichnis steht. Und sie dementieren ständig Gerüchte, die meist per Flugblatt in Umlauf gesetzt werden. In Virginia etwa gab es solche Zettel, sehr offiziell, mit Staatssiegel - ein Aufruf, nur die Republikaner sollten am Dienstag wählen gehen, die Demokraten seien wegen des großen Andrangs erst am Mittwoch dran…
Da versteht man die Ausmaße, die das sogenannte „Early Voting“ hier annimmt. Über 20 Millionen Amerikaner haben schon gewählt! Nein, nicht per Briefwahl, sondern in Wahllokalen, die in 34 Bundesstaaten bereits seit Tagen geöffnet sind. Viele Staaten haben das neu eingeführt, weil sie befürchten, dass sie bei hoher Wahlbeteiligung das ganze am Dienstag gar nicht ordentlich abgewickelt bekommen. Die Countys (Kreise, die dafür zuständig sind) haben nämlich längst nicht soviel Geld in neue Wahlmaschinen und Wahlhelfer investiert wie 2000 und 2004 versprochen.
Vor allem Obama ruft seine Anhänger (wie 2004 Bush) auf, schon jetzt wählen zu gehen. Es könne ja sein, dass man Dienstag einen Unfall oder eine Autopanne habe… Und tatsächlich: In den Staaten, die täglich veröffentlichen, wie viel Menschen mit welcher Parteiregistrierung gewählt haben, führen die Demokraten ungefähr mit 60 zu 40. Die Abendnachrichten sind voll mit Bildern vom „Early Voting“. Bei NBC stand ein Reporter in einem Wahllokal in Georgia und berichtete, er habe 1200 Menschen in der Schlange gezählt. Die Wartezeit betrage acht bis zehn Stunden. Wie bitte?, frage ich mich da. Die stehen acht Stunden an, um ihre Stimme abzugeben? Und dann erklären lauter Menschen vor der Kamera, wie viel Angst sie haben, dass ihre Stimme nicht zählen könnte. Und dass sie lieber acht Stunden warten, als am Wahltag gar nicht zum Zuge zu kommen.
Apropos Wahltag. Es sieht ja alles danach aus, dass die Wahlbeteiligung vom letzten Mal (64%) noch übertroffen wird. Und selbst wenn wie erwartet ein Viertel dann schon beim „Early Voting“ gewesen ist, wird es trotzdem in einigen Countys und Staaten Chaos geben. In Virginia zum Beispiel gibt es pro 750 Wähler eine Wahlmaschine. Bei zehn Stunden Öffnungszeit müssten 75 Wähler pro Stunde an einer Maschine abstimmen – weniger als eine Minute pro Person. Und dabei geht’s neben dem Präsidenten auch um einen Senator, Abgeordnete und staatliche Gesetze. Wenn wir am Dienstag wirklich eine lange Nacht haben sollten, bevor wir wissen, wer es wird, dann wohl am ehesten deshalb, weil sie vor lauter Wählern vor der Tür die Wahllokale gar nicht schließen können…
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Jörg Schönenborn |
1.11.2008 23:31 Uhr
Kategorie: US-Wahl
Schlagworte: Barack Obama, Demokraten, Georgia, NBC, Republikaner, US-Wahl, USA, Virginia
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Am 2. November 2008 um 08:51 Uhr
supersick! Ich finde es heftig mit welchen intrigen Mitteln vorgegangen wird…
Am 2. November 2008 um 14:02 Uhr
Es ist schon erstaunlich, dass dieses Chaos nicht in den Griff zu bekommen ist. Schließlich wählen die US-Amerikaner doch nicht das erste Mal und so sollte man doch eigentlich langsam aus vergangenen Fehlern lernen. Irgendwie scheint da wohl ein grundsätzliches Problem auf, dass Demokratie als Wert nicht sehr hoch gehängt wird, sonst würde man diese Probleme stärker angehen.
Was mich etwas verwundert ist die derzeitige Mediendebatte, dass angeblich das Rennen doch knapp sei. Ich beobachte schon seit längerer Zeit die Umfrageergebnisse auch der einzelnen Bundesstaaten. Fakt ist doch vielmehr, dass es schon länger her ist, dass jemand so deutlich in den Umfragen dominiert und manche schon einen Erdrutschsieg vorhersagen. In den Internetplattformen, die sämtliche Umfragen zusammenfassen und so ein durchschnittliches Mittel errechnen können (was 2004 bei RCP in der nationalen Umfrage exakt eintrat), wird der Sieg von McCain so gut wie ausgeschlossen (Wahrscheinlichkeit z. B. bei 538 liegt gerade bei 96 %). Der Grund liegt darin, dass McCain als der derzeitige Schlüsselstaat Pennsylvania gewinnen muss, sonst führt kein Weg derzeit zum Sieg, währenddessen Obama so viele realistische Möglichkeiten hat an 270 EV heranzukommen, dass er Pennsylvania nicht unbedingt braucht.
Am 2. November 2008 um 17:12 Uhr
Wieso wird diese Wahl und werden diese Kandidaten so hoch gejubelt? Jeder in den USA der 1+1 zusammenzählen kann muss doch erkennen dass der Gewinner, wer immer auch, nichts bewirken kann. An welcher Schraube will er denn noch drehen.
- Geld? : Keins da, Schulden bis zu Hals
- Gesetze?: Fehlanzeige, das ist Sache der Lobby.
- Bildung? : Uninteressant, der Erfolg käme ohnehin erst nach 10 Jahren zum tragen.
Also weiter so.
Frage: Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Al Capone und der Lobby? Beide ziehen doch dem Bürger das Geld aus der Tasche, der eine seinerzeit mit dem Schiesseisen, die anderen mit ihrem Verstand.
Am 2. November 2008 um 22:23 Uhr
Kommentar aus Maine zu den Gedanken von B.Vieth:
Ja, die Wahlprozedur in der USA ist eine Katastrophe und unbedingt verbesserungsbeduerftig. Aber der Grund liegt nicht darin, dass Demokratie als Wert nicht hoch im Kurs liegt. Es geht vielmehr darum, dass Foederalismus in den USA sehr viel hoeher angesetzt ist als zum Beispiel in Deutschland. Das hat mit der Geschichte dieses Landes zu tun aber auch mit der Groesse. Die Staaten sind hier sehr viel unabhaengiger als die deutschen Bundeslaender, sowohl finanziell als auch in den Gesetzen. Anders als in Deutschland ist die Finanzierung und Unterhaltung der meisten oeffentlichen Einrichtungen die Aufgabe der Gemeinden und Staedte, nach Vorschriften durch die Staaten. So werden z.B. Schulen hauptsaechlich von den Kommunen finanziert und nicht von der Landesregierung oder gar Washington. Das gleiche gilt auch fuer die Finanzierung von Wahlen. Weil die einzelnen Gemeinden das aus ihrem Lokal Budget finanzieren muessen, gibt es die grossen Unterschiede. Zum Beispiel in der Anzahl der Wahl Computer. Oder ueberhaupt wie die Wahl aussieht. Hier in Maine wird noch hauptsaechlich auf Papier gewaehlt. Der Staat Maine hat 1/5 der Flaeche der Bundesrepublik Deutschland aber nur 1.3 Millionen Einwohner. Wie das Budget der Staedte und Gemeinden aussieht, kann man sich da vorstellen. Ein Staat wie Maine wird also dagegen stimmen, sollte in Washington z.B. entschieden werden dass es ueberall Wahl Computer geben muss. Nicht nur das Geld ist ein Problem; es muss auch die Leute geben, die diese Computer bedienen koennen. Und das in jedem Wahllokal. Das ist in einem grossen, in vielen Gegenden so zersielten Land wie den USA nicht einfach.
Wie gesagt, es muss eine Reform und Verbesserungen geben. Aber man kann Amerika und den Amerikanern nicht unterstellen dass sie Demokratie nicht hoch einschaetzen. Es ist die Logistik der Demokratie, die in einem so grossen und extrem foederalen Land wie den USA anders aussieht als z.B. in Deutschland und auch immer anders aussehen wird, selbst nach einer Reform.
Am 3. November 2008 um 03:48 Uhr
Mir scheint, selbst Indien schafft es besser als die USA eine wirklich demokratische Wahl zu organisieren. Eine Demokratie sollte sich dadurch auszeichnen, daß der Zugang zur Wahl so einfach wie möglich gemacht wird. Die Organisation in den USA scheint davon noch ziemlich weit entfernt.
Am 3. November 2008 um 10:19 Uhr
Und so etwas will “Weltmacht” sein und den anderen Menschen Demokrtie nach ihrem Vorbild bringen? Ja das Problem ist…
wenn man den Zettel auf dem die “Procedure” aufgezeichnet ist verliert, dann herrscht Chaos im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Ehrlich gesagt ich bin froh, wenn der Wahlrummel auch hier im Internet vorbei ist.
Am 3. November 2008 um 10:26 Uhr
@4:
Zunächst danke Herr/Frau Bossler für Ihre Anmerkungen über die föderale Struktur der Bundesstaaten und ihre Auswirkungen auf die Wahlprozedur.
Sie haben Punkte genannt, die sicherlich gegen eine Vereinheitlichung der Wahlen sprechen, aber das ist glaube ich auch nicht wirklich notwendig. Was ich vielmehr kritisiere ist doch, dass mit der Entscheidung, wie diese Gelder verteilt werden im Haushalt, anscheinend die Wahlen eine nachrangige Bedeutung haben, so dass nicht genügend Mittel bereit gestellt werden, die eine ordentlich verlaufende Wahl ermöglichen. Das war dann auch mein Einwand, dass andere Punkte wohl als wichtiger erachtet werden als das demokratische Recht zu wählen.
Wie kommt es, dass in einzelnen Bundesstaaten die Wähler wieder nach Hause geschickt werden, weil bei der Registrierung die Namen falsch geschrieben werden? Und das soll angeblich kein Einzelfall sein. Wahlzettel werden gedruckt, in dem ein angeblich rein zufälliger Tippfehler auftaucht, der aus dem Namen Obama ein Osama macht. Die Häufung dieser Pannen ist beängstigend und daher verwundert es mich auch nicht, dass, wenn man den Berichten Glauben schenken will, es eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Wählern gibt, die glauben, dass diese “Pannen” systematisch genutzt werden und bisweilen politisches Kalkül sind. Das gefährdet einen sauberen und neutralen Umgang mit der Wahlprozedur. Nicht umsonst stehen diesmal OSZE-Beobachter bereit, die diese Wahl verfolgen werden. Das muss man sich wirklich vorstellen, was das heißt… Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass die Wahl ohne große anschließende Rechtsstreitigkeiten erfolgen wird. Nach 2000 wirklich wünschenswert. Herr/Frau Bosser, haben/werden Sie bzw. dürfen Sie wählen? Wenn Sie sich an den early votes beteiligt haben (Maine gehört glaube ich zu den Staaten, die so etwas ermöglichen, wenn ich das richtig lese), was sind Ihre Erfahrungen?
Eine kurze Anmerkung zu meinem vorherigen Post, der wohl in einer etwas unkonzentrierten Stimmung geschrieben wurde. Sorry für die bisweilen seltsam konstruierten Sätze und natürlich sind es nicht 96 %, sondern 4 %.
Am 3. November 2008 um 11:01 Uhr
Obama muss und wird hoffentlich gewinnen. Die Zyniker, die diese Wahl als nichtig darstellen, weil es ja angeblich sowieso keinen Unterschied mache und alles ein abgekartetes Spiel sei – habt ihr wirklich resigniert oder meint ihr, diese Art zu Denken bringt irgendwen weiter? Es macht NATÜRLICH einen Unterschied, wer gewinnt; diese Wahl ist sogar mehr als nur historisch, wenn tatsächlich Obama gewinnen sollte, wird das die Wahrnehmung aller Schwarzen und vermutlich auch anderer sogenannter Minderheiten auf der Welt verändern, es ist eine beispiellose Chance, so etwas wie Gleichheit zu schaffen, zumindest in den Köpfen.
Ob sich die Politik der USA deutlich ändern wird, bleibt abzuwarten, aber allein die Mobilisierung, die Politisierung unzähliger Menschen im vergangenen Jahr in einem Land, das man als desinteressiert und dumm abgestempelt hatte ist doch ein Grund zur Hoffnung und Freude.
Ich kann absolut nicht verstehen, wie man dieser Wahl so abschätzig gegenüber stehen kann; Ja, es ist nicht in “meinem” Land, und ja, die Parteiprogramme unterscheiden sich nicht bahnbrechend. Na und? Die Politik dieses Landes betrifft unser Leben und unsere Zukunft sehr wohl, und als Weltenbürger darf es einem einfach nicht gleichgültig sein. McCain oder Obama – das sind in erster Linie Signale, Symbole, eine Frage der Moral, ob gespielt oder nicht. Wenn sich die Menschen für Obama entscheiden, entscheiden sie sich für die unsichere, aber mutigere Variante, eine, die wirklich die Chance einer Veränderung bürgt. Ich möchte honorieren, dass sich bereits so viele Amerikaner zu diesem Mut entschieden haben.
Am 3. November 2008 um 16:53 Uhr
Was mich angesichts der hohen Vor-Wahl-Quote und eines möglicherweise sehr knappen Rennens interessiert : Wie wirkt sich die Frühwahl auf die Hochrechnungen und Trends am Wahlabend aus?
Wird es ähnlich sein wie in Deutschland, wo die Ergebnisse der Briefwahl (die freilich etwas anderes ist als as Early Voting) immer erst später einfließen?
Oder liegen die Ergebnisse des Early Votings bei der Wahltag-Auszählung bereits vor?
Wenn es tatsächlich so ist, dass die meisten Frühwähler für Obama stimmen, dann könnte sich am eigentlichen Wahltag das Gewicht der McCain-Wähler ja etwas erhöhen. Das scheint mir zumindest ein Faktor zu sein.
Am 3. November 2008 um 17:43 Uhr
@9:
So wie ich das verstanden habe, werden die morgen nach Wahlschluss sofort mit ausgezählt und nicht erst später. Die Wahlcomputer werden da zum Beispiel sicherlich nicht getrennte Programme laufen, die zwischen early votes und den normalen unterscheidet.
Am 3. November 2008 um 21:30 Uhr
Antwort an Herrn oder Frau Vieth von Annette in Maine:
Ja, ich bin seit Juli amerikanische Staatsbuergerin und kann waehlen! Ich habe am vergangenen Donnerstag gewaehlt. Das geht hier in Maine mit einem ‘Absentee Ballot’, also wie Briefwahl. Nur dass man das direkt im lokalen Gemeinde Buero macht. Ich wohne in Bremen, Maine und wir haben nur um die 700 Einwohner. Ausser mir war am Donnerstag zur gleichen Zeit keiner waehlen. Die eigentliche Wahl war verhaeltnismaessig aufwendig; hier in Maine waehlt man a) den Praesidenten b) den Senator fuer das 1st Congressional District c) den Kongress Abgeordneten d) den State Senate Abgeordneten e) den State Assembly Abgeordneten f) Abstimmung zur Sondersteuer fuer den Dirigo Public Health Plan in Maine g) Abstimmung ob es in Oxford ME ein Casino gehen soll h) Abstimmung zu einem Budget fuer Trinkwasserinvestitionen in Maine und i) in meinem Wahlkreis den Richter fuer den Lincoln County Court. Die Haelfte der Wahl war auf der Rueckseite; wenn ich nicht vorher auf dem Internet nachgeschaut haette, was ich alles waehlen muss, haette ich wahrscheinlich vergessen, auf die Rueckseite umzudrehen. Wie gesagt, hier in Maine waehlen wir ganz traditionell mit Kreuzchen auf dem Papier.
Die meisten Mainer in den kleinen Doerfern und Kleinstgemeinden gehen am Dienstag zur Wahl. Das weiss ich u.a. auch weil ich am Samstag 2 Schichten in der Obama Phone Bank geschoben habe und ueber 300 wahrscheinliche Obama Waehler in Maine’s 2nd Congressional District angerufen habe damit sie auch zur Wahl gehen. Kaum einer hatte bereits gewaehlt. In Maine werden die Electoral College Votes nach Districts vergeben und es ist moeglich dass McCain/Palin von den 4 Votes in Maine 1 Stimme gewinnen koennten. Aber wenn alle Obama Supporter im 2nd Congressional District wirklich waehlen gehen, dann werden alle 4 Stimmen zu Obama gehen.
Was Wahlpannen angeht, so kann ich nur sagen dass es die in Deutschland zumindest fuer Briefwaehler im Ausland geben kann. Vor Jahren sendete mir das deutsche Konsulat die Unterlagen viel zu spaet zu; mein Briefwahlschein kam daher erst einen Tag vor der Wahl bei mir. Das Konsulat hatte die Unterlagen zu spaet aus Deutschland bekommen und meine fruehere Stadtverwaltung hatte sich auch offensichtlich nicht beeilt mit der Versendung. Versehen oder Absicht? Es spielt keine Rolle; es zeigt nur dass in Deutschland auch nicht alles so perfekt ist wie manche glauben.
Am 3. November 2008 um 21:37 Uhr
Antwort an Jonas Stehle und B.Vieth von Annette in Maine:
Mit der Briefwahlauszaehlung ist das wahrscheinlich von Staat zu Staat unterschiedlich. Hier in Maine werden die Briefwahlscheine am Ende des Wahltages unter Aufsicht der lokalen Vertreter aller Parteien geoeffnet und mit in die Wahlurne gegeben und dann gemeinsam mit allen Wahlzetteln ausgezaehlt.
Wenn Sie ansonsten eine amerikanische Alternative zu e.g. CNN haben moechten dann schauen Sie mal auf http://www.pbs.org/vote2008/
PBS ist Public Broadcasting System und vielleicht der Sender, der der ARD von der Struktur her am Naechsten kommt. PBS hat eine sehr gute Nachrichtensendung ‘Newshour with Jim Lehrer’ und die koennen Sie manchmal auch online als Podcast herunterladen.
Am 3. November 2008 um 22:23 Uhr
@9
Hochrechnungen nach deutschem Verständnis gibt es hier in den USA nicht. Das wäre bei 51 Wahlgebieten extrem aufwendig.
Zum Verständnis der Begriffe: Die Befragung von Wählern im Wahllokal direkt nach dem Wahlgang nennt man Exit Poll oder Wahltagsbefragung. Sie dient grundsätzlich zwei Zielen: einer möglichst guten Vorabschätzung des Ergebnisses und der Analyse. Für die Analyse stellt man den Wählern Fragen nach Alter Beruf etc. und ihren Wahlmotiven. In diesem zweiten Punkt sind sich die Befragungen in D und USA ähnlich.
Wie gut eine Ergebnisabschätzung sein kann, hängt vor allem von der Zahl der Interviews pro Wahlgebiet ab. Während wir bei einer Bundestagswahl bis 100.000 Interviews für ein Wahlgebiet haben, gibt es in den USA etwas genausoviele für 51 Wahlgebiete.
Das reicht von der Genauigkeit her für eine einfache “digitale” Prognose: rot oder blau? Rep oder Dem? Wenns zu knapp ist, gibt es eben keine Prognose.
In Deutschland bleiben die Befrager bei der öffentlichen Auszählung im Wahllokal dabei und telefonieren die Ergebnisse in ein zentrales Telefonstudio. Jede neue Hochrechnung enthält mehr dieser echten Ergebnisse, die viel schneller im Computer sind als die von den Behörden veröffentlichten Teilergebnisse.
In USA gibt es das so aus vielen Gründen nicht. Die späteren Ergebnisvorhersagen der Fernsehsender und des National Election Pools beruhen nur auf Auszählungsergebnissen, die die Behörden veröffentlichen. Die Briefwähler und Vorabwähler fließen dabei nach sehr unterschiedlichen zeitlichen Abläufen ein. In manchen Gebieten etwa werden die Stimmzettel zentral im County-House gezählt. Da hat man dann die Vorabwähler viel schneller, weil die Stimmzettel vom Tag erst dorthin gebracht werden müssen. Anderswo ist es umgekehrt.
Das heißt: Bei den Vorabwählern liegt Obama ganz sicher weit vorn. Und bei den Dienstagswählern schneidet McCain ganz sicher besser ab als bei den Vorabwählern. Für den Ergebniseinlauf des Dienstagsabends lassen sich daraus aber keine Schlüsse ziehen.
Am 3. November 2008 um 22:36 Uhr
@Annette:
).
Vielen Dank mal für einen kurzen Bericht aus nächster Nähe von einem wählenden Bürger in den USA. Es ist ja schon unglaublich, was man alles wählen muss. Das hat ja Herr Schönenborn auch schon kurz angeschnitten. Den Link werde ich mir mal anschauen. Wenn ich mich recht entsinne, hat Jim Lehrer die erste Debatte geleitet zwischen McCain und Obama. Der war ganz gut in seiner Moderation (auch wenn ich den von der dritten Debatte besser fand, eigentlich besser als die beiden Kandidaten selbst.
Gruß von Björn nach Maine
Am 4. November 2008 um 02:15 Uhr
Acht Stunden für die Wahl anstehen? Davon können hier die Teams in den Wahllokalen nur träumen. Entweder kommen die Wähler “Busweise” oder man hat viiiiiiiiiiiel Zeit die Wahlbeteiligung zu ermitteln, Wahlbenachrichtigungskarten oder deren Dummies mit der der Liste abzuzählen, damit auch ja die Statistik stimmt …
Bei der Frage, wie sind denn in der USA die Wahllokale aufgeteilt - in Bezirke wie hier oder gibt es nur ein Lokal für den Stadtteil, so dass man sich die langen Wartezeiten erklären kann?
Am 4. November 2008 um 02:41 Uhr
@14 (Bjoern)
Ja, die erste Debatte wurde von Jim Lehrer von PBS moderiert. Die VP Debatte wurde von Gwen Ifill von PBS geleitet.
Wen es interessiert was auf den Wahlzetteln in den US Wahlkreisen alles drauf ist, der kann das auf einem Website nachschauen; allerdings muss man dazu eine gueltige US Adresse eingeben. Wenn Sie z.B. Freunde in den USA haben, dann geben Sie deren Adresse ein (keine Bange, Name nicht notwendig!) und Sie erhalten die Info was zu waehlen ist in deren Wahlkreis. Zum Beispiel sieht es fuer meinen frueheren Wohnort in New Jersey so aus:
http://vote-nj.org/Ballot.aspx.....County=029
Sie koennen von dort aus in einen anderen Staat ’springen’. Oder aber direkt nach ‘vote-’ die Abkuerzung fuer den Staat schon in der Webadresse angeben. An dem Beispiel aus NJ sehen Sie, dass der Text der beiden Referendum Fragen ziemlich lang und kompliziert ist. Wer das nicht vorher gelesen hat oder sonst weiss was er da ankreuzen will, wird am Wahltag eine Weile brauchen bis er es gelesen hat (und verstanden!). Insoweit ist der Hinweis von Herrn Schoenenborn sehr wichtig und berechtigt, dass z.B. eine Minute pro Person pro Wahlcomputer nicht realistisch ist.
Am 4. November 2008 um 03:42 Uhr
@15 (Kay): Es gibt hier Wahlbezirke aber der eigentliche Unterschied zu Deutschland ist, dass jeder Bundesstaat und darin jedes County, also der Kreis, die Wahl organisiert und dadurch gibt es die grossen Unterschiede im Verfahren, in der Ausstattung und auch in der Anzahl der Wahllokale. Wenn z.B. ein County aus welchen Gruenden auch immer entscheidet, nur soundsoviele Polling Stations zu haben, dann ergeben sich die Schlangen wenn es zu wenig sind. Manche Counties haben sich kurzfristig entschlossen, zusaetzliche Polling Stations aufzumachen, andere nicht. Die Uhrzeiten wie lange die Wahllokale auf sind, sind auch unterschiedlich. Jahrzehntelang hatten die USA in vielen Staaten eine sehr niedrige Wahlbeteiligung. Nach dem Debakel in 2000 haben viele US Buerger erkannt, dass Waehlen wichtig ist und so gab es bereits in 2004 Schlangen. Aber das hat nicht ausgeloest, dass es zu einer Vereinheitlichung und zu mehr Resourcen kommt. Ich denke, diese Wahl wird Veraenderungen bringen weil die Bevoelkerung sie fordern wird.
Am 4. November 2008 um 15:09 Uhr
Vielen Dank für die aufschlussreichen Infos, Herr Schönenborn! Es ist - selbst von Deutschland aus - so unglaublich spannend, die Wahl zu verfolgen. Freue mich schon auf Ihre und ganz allgemein auf die Berichterstattung im Ersten.