3. November 2006, 17:56 Uhr - von Christian Thiels
Sicher, ein rhetorischer Wirbelwind ist Franz Josef Jung nicht. Er ist Jurist und spricht eben oft auch wie einer. Aber er ist ein beharrlicher Arbeiter, der sich in kurzer Zeit in die komplexe Materie des Verteidigungsressorts hineingewühlt hat. Er ist ein kantiger Typ, aber auch einer, bei dem viele sagen, die ihn zum ersten Mal persönlich kennen lernen: „Der ist ja richtig nett“. Und er kann Erfolge vorweisen: das Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr, einen (bislang) erfolgreichen Kongo-Einsatz, die international viel beachtete Marine-Mission vor der Küste des Libanon und nicht zuletzt sein gutes Krisenmanagement beim Skandal um makabre Erinnerungsfotos von Soldaten.
Trotzdem steht der Verteidigungsminister seit Amtsantritt unter Beschuss. Dass dabei vor allem SPD-Fraktionschef und Jungs Vorgänger Peter Struck eine unrühmliche Rolle spielt, fällt ins Auge. Denn Struck verletzt ein ungeschriebenes Gesetz der Politik, nach dem man seinem Nachfolger im Amt – wie seinem Vorgänger – nicht öffentlich von hinten in die Beine grätscht. Vor allem dann, wenn man in der gleichen Koalition sitzt. Struck gerierte sich manches Mal als heimlicher Verteidigungsminister, der Jung anscheinend keinen Erfolg gönnen mag. Ein Weißbuch versuchte schon Struck durchzusetzen – ohne Erfolg (was freilich weniger an Struck als an den Grünen lag). Dass sein Nachfolger es nun geschafft hat, scheint ihn zu wurmen. Es ist kein Geheimnis, dass Struck sehr gerne Verteidigungsminister war. Der Posten bedeutet zwar viel Verantwortung, aber auch die Zuneigung und Bewunderung durch die Soldaten. Wie anders ist da die freudlose Kernerarbeit als Zuchtmeister der SPD-Fraktion. Lob gibt es da kaum, von Bewunderung und Zuneigung gar nicht zu reden… Wen würde es wundern, dass Struck da auch ein wenig bitter geworden sein mag und dies nun an Jung auslässt?
Auch viele – vor allem Berliner – Journalisten äußern sich gern und häufig abfällig über den CDU-Mann. Viele müssen sich wohl geärgert haben, dass da plötzlich einer ins Bundeskabinett aufstieg, den sie nicht schon seit Jahren aus Hintergrundrunden und von Pressefesten kennen. Statt dessen einer aus der vermeintlichen Provinz - und dann auch noch aus der Riege des in vielen Medienkreisen ohnehin wenig beliebten hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. „Winzer und Provinzler“, nennen sie Jung abfällig, andere beschrieben ihn als „Kochs Wachhund in Merkels Kabinett“ oder dichten ihm an, er begreife die ganze Welt nur als Weinberg.
Zuletzt sprangen viele Journalisten augenscheinlich bereitwillig auf die isolierte Aussage von FDP-Mann Rainer Stinner. Der behauptet, der Verteidigungsminister sei nicht mehr tragbar und Jung werde schon an Weihnachten nicht mehr im Kabinett sein. Nicht einmal die Linksfraktion hat bislang so etwas prophezeit. Es mag damit zusammenhängen, dass die FDP eben in der Opposition ist und schon deshalb gerne markige Worte wählt, vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Stinner nach der Bundestagswahl Ambitionen auf die FDP-Obmann-Position im Verteidigungsausschuss nachgesagt wurden, er aber seiner Kollegin Birgit Homburger den Vortritt bei diesem medienwirksamen Pöstchen lassen musste. Wenn es nun um Sicherheitspolitik geht, schickt die FDP sie vor die Fernseh-Kameras oder an das Bundestags-Rednerpult und eben nicht Rainer Stinner. Da bleibt nur eine Möglichkeit, die auch viele Hinterbänkler gerne in der Sommerpause nutzen, um auch mal wahrgenommen zu werden: man lehnt sich verbal besonders weit aus dem Fenster.
Den Verteidigungsminister ficht das alles nicht an. Er gibt sich entspannt und sagt, dass es ihm wichtig sei, in den Herzen der Soldaten und bei den Menschen im Land zu sein. Da halte er es wie Helmut Kohl. Den unterschätzten die politischen Gegner und auch viele Journalisten jahrelang.
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Christian Thiels |
3.11.2006 17:56 Uhr
Kategorie: ARD-Hauptstadtstudio, Regierung, Schwarz
Schlagworte: Birgit Homburger, Bundeswehr, CDU, Franz Josef Jung, Peter Struck, Rainer Stinner, Roland Koch, Soldaten, SPD, Verteidigungsminister, Weißbuch zur Zukunft der Armee
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