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ARD-aktuell

23. Januar 2018

Der Mord von Lünen in der Tagesschau

Diskussionen über die Themenauswahl in der Tagesschau verlaufen oft unspektakulär. Die Frage, ob wir über das Weltwirtschaftsforum, das EU-Finanzministertreffen oder den Einmarsch türkischer Truppen in Syrien berichten, ist schnell geklärt: Klar, machen wir das. Richtig intensiv werden die Diskussionen dann, wenn es um Kriminalität als Thema in der Tagesschau geht. Heute war wieder so ein Tag. Das Tötungsdelikt an einer Schule in Lünen war in der Tagesschau um 20 Uhr.

Als ich mitbekam, dass ein 15jähriger einen 14jährigen erstochenhaben soll, habe ich spontan gesagt, dass das nichts für die Tagesschau ist. Meine Sorge war, dass wir immer öfter Kriminalfälle in unseren TV- und Web-Angeboten haben, obwohl das nun nicht gerade zu unserem Markenkern gehört. Doch nach intensiven Diskussionen in der Redaktion habe ich mich überzeugen lassen, dass diese Meldung ihren Platz in der 20Uhr haben konnte, ohne dass wir unsere Relevanzkriterien verbiegen müssen. Denn wir berichten ja auch, wenn es Tötungsdelikte in einem Gerichtssaal oder einem Jobcenter gibt, und hier ging es um den geschützten Raum einer Schule, in dem erstmals eine solche Tat geschah.

Und wieder einmal mussten wir auch feststellen, dass dieser Fall eine außergewöhnliche Anteilnahme und ein außergewöhnliches Medienecho fand. Es ist eine unbefriedigende Erkenntnis, dass wir auch deshalb berichten, weil es viele andere auch tun. Aber wir sind nun mal nicht allein auf der Welt, und die Tagesschau-Zuschauer sollen am nächsten Tag nicht diejenigen sein, die nicht wissen, worüber ihre Freunde, Kollegen und Bekannten reden.

Bleibt noch die Frage, warum wir in der Tagesschau nicht gesagt haben, dass es sich bei dem Tatverdächtigen und dem Opfer jeweils um einen Deutschen handelt, wobei der Ältere zusätzlich zu seinem deutschen noch einen kasachischen Pass hat. Haben wir das bewusst verschwiegen? Wir haben diese Fakten nicht gemeldet, weil wir uns nach wie vor am Deutschen Pressekodex orientieren, nachdem die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe in der Regel nicht erwähnt wird. Es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Da wir nichts Genaues über die Hintergründe der Tat kennen, vermochte ich dieses begründete Interesse nicht zu erkennen.

Man kann das alles auch anders sehen, und ich ahne, dass wir auch eine Reihe kritischer Kommentare dazu bekommen. Umso mehr interessiert mich Ihre Meinung dazu.

3 Kommentare

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1: DftT:

24. Januar 2018 um 17:01 Uhr

Ich finde die Entscheidung, kein Wort über Nationalitäten zu verlieren, richtig. Die Nationalität hat keinen Einfluss auf das Geschehene und sollte daher egal sein.

2: Sascha Atrops:

25. Januar 2018 um 15:00 Uhr

Der Täter ist hier in Deutschland geboren, ist in unserer Gesellschaft groß geworden, ist hier zur Schule gegangen und erzogen worden.
Das Verhalten, jemand mit dem Messer zu attackieren, weil er "provozierend guckt" muss er irgendwo gelernt haben. Offensichtlich nicht in Kasachstan.

Der Junge war lange als Problemkind bekannt, die deutsche Gesellschaft hat sich dem nicht ausreichend angenommen.
Da der Junge als aggressiv und unbeschulbar galt, hätte man ihn in der Schule abholen müssen, nicht rauswerfen.

Es gibt hier zwei Opfer. Eines war sofort tot und das andere erlebt an dem Tag offensichtlich den größten Fehlschlag einer frustrierenden Kindheit.

Dieser Junge ist Deutscher.
Und diese Kindheit haben wir alle verbockt, denn als Gesellschaft müssen wir uns nicht nur empören, wenn wir einen 14jährigen verlieren, sondern auch dann, wenn unsere Gesellschaft einen 15jährigen zum Mörder werden lässt. Der Junge hat sich nämlich nicht selbst erzogen. Das war unser aller Job.

3: Asparagus:

26. Januar 2018 um 00:39 Uhr

Sg Sascha Atrops (2),

anfangs wollte ich auf Ihren Beitrag ablehnend antworten, aber im Laufe des Schreibens ging es doch in eine etwas andere Richtung.

Kürzlich gab es einen Bericht über den Papst, wie er während eines Fluges in Chile ein Flugbegleiterpaar getraut hat. Ich habe diesen Bericht sehr positiv kommentiert, mit dem Fazit, dass solche "kleinen" Dinge das sind, was wir tun können – jeder mit seinen Möglichkeiten.

Ich kann niemanden kirchlich trauen (und wenn, würde es kein Medienecho finden), Sie vermutlich auch nicht. Aber ich kann dem Nachbarn etwas Hilfe bei der Gartenarbeit anbieten, oder den Bauarbeitern vor dem Haus kalte Getränke. Oder einfach jemandem die Tür aufhalten.

Dies alles hätte diese Tat wohl kaum verhindert, insofern lehne ich – auch für die "Gesellschaft" – eine Mitverantwortung ab.

Aber was wir tun können ist, unsere eigene "kleine Welt" ein bisschen besser zu machen. Und auch mein Kommentar versucht so etwas – im Rahmen meiner Möglichkeiten.

MfG A.

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