Skip to Content

ARD-aktuell

7. Mai 2017

Schleswig-Holstein: Und schon wieder eine Überraschung…

Die Situation erinnert an das Saarland Ende März: Wenige Wochen vor der Wahl lagen die beiden großen Parteien Kopf an Kopf, dann schiebt sich die CDU zwar erkennbar nach vorn, aber am Wahlabend ist der Abstand viel größer als gedacht. Die erste Erkenntnis ist banal und alt bekannt: Umfragen sind Umfragen und nicht mehr als eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Erhebung. Sie sind interessanter Stoff für Unentschiedene und können bei der Wahlentscheidung helfen. Aber die dramatischen Verschiebungen zu Gunsten der CDU und zu Lasten der SPD auf den letzten Metern in Schleswig-Holstein, müssen andere Gründe haben.
Und dafür liefern unsere Zahlen klare Hinweise: Wie schon im Saarland, in Rheinland-Pfalz oder in Baden-Württemberg scheinen die Spitzenkandidaten eine ganz entscheidende Rolle zu spielen. In der Wahltagsbefragung von Infratest dimap direkt nach Stimmabgabe in den Wahllokalen fragt das Institut regelmäßig auch danach, was das entscheidende Motiv war eine bestimmte Partei zu wählen. 2012 erklärten 34 Prozent der SPD-Wähler Torsten Albig sei für sie der ausschlaggebende Grund. Dieser sogenannte Kandidatenfaktor ist nun in fünf Jahren von passablen 34 auf schwache 21 Punkte zurückgefallen. Darin spiegelt sich sicher eine schwache Regierungsbilanz, vor allem auf den Feldern der Bildungs- und Verkehrspolitik, mit gesunkenen Kompetenzwerten für die SPD. Aber vermutlich gibt es darüber hinaus auch persönliche Komponenten, das Fernseh-Duell Albig gegen Günther, die beiden stark eingeschalteten Interviews im Schleswig-Holstein-Magazin des NDR, und das „Bunte“-Interview des Ministerpräsidenten über sein Privatleben, dürften allesamt eine Rolle gespielt haben. Welchen genauen Anteil sie an dem Absturz haben, lässt sich allerdings nicht messen. Eine erstaunliche Karriere hat umgekehrt CDU-Kandidat Daniel Günther gemacht. Im November wurde er fast aus Verlegenheit zum Landesvorsitzenden gewählt, erst im Februar als Spitzenkandidat bestimmt, eine so kurze Anlaufstrecke hatte kaum je ein Spitzenkandidat bei einer Landtagswahl. Innerhalb von sechs Monaten hat er nicht nur sein Bekanntheitsgrad von 40 auf über 70 Prozent gesteigert, sondern auch die Zufriedenheitswerte von 20 auf 47 Prozent mehr als verdoppelt – bis zur ARD-Umfrage vorletzte Woche. Die heutige Wahltagsbefragung zeigt, dass er immerhin für 26 Prozent der CDU-Wähler nun das entscheidende Motiv war, das Kreuzchen bei der Union zu machen. Damit war seine Zugkraft größer als die des Ministerpräsidenten für die SPD.
Genau so spannend wie das „Warum“ dürfte aber heute Abend auch das „Wohin“ sein. Kaum ein Bundesland hat eine so lange Tradition knapper Wahlergebnisse wie Schleswig-Holstein. Und auch heute werden wir vermutlich erst am späteren Abend sicher wissen welche Koalitionen theoretisch eine Mehrheit haben und welche nicht. Es wäre nicht das erste Mal, wenn es dabei auf ein einziges Mandat ankommt – wie gegenwärtig bei Schwarz-Grün. Die wahrscheinlich für die CDU entstehenden Überhang-Mandate und deren Ausgleich können da am Ende den Ausschlag geben.

5 Kommentare

RSS Feed der Kommentare

1: Berti:

7. Mai 2017 um 20:54 Uhr

Seltsam wie die Institute derzeit ständig daneben liegen und knappe Wahlausgänge in der Sonntagsfrage vorhersagen, die dann am Ende doch nicht knapp sind …?!

2: Rene:

7. Mai 2017 um 23:14 Uhr

an das einfachste denkt mal wieder keiner: G8 zu G9 ist hier der ausschlaggebende Punkt! Aber es wird mal wieder an den banalsten Dingen vorbeigedacht. Da muß man sich auch nicht wundern, wenn die Medien auch nach und nach immer mehr an Kompetenz verlieren…, denn Schulz hat mit dieser Wahlschlappe nichts zu tun, was mir persönlich auch egal wäre!

3: Jo Beeck:

8. Mai 2017 um 07:13 Uhr

Die Wählerzahl,Agrarwirtschaft und 100%-Wählerkonsum-Erwartungen sind nicht relativierbar mit NRW.
Zumal eine Vielzahl an Wahl-Lokalen wohl eher in Altenheimen gelegt worden sind-wenn ich die CDU Alters=Verteilung so sehe !

4: Thomas:

8. Mai 2017 um 09:54 Uhr

Es geht mir nicht um Medien- oder gar Meinungsbefragungsschelte.
Diese Abweichungen der Prognosen spielen denen in die Hände, die von „Lügenpresse“ reden, Vertrauen verlieren und im Glücksfall zu Protestwählern mutieren (besser als Nichtwähler).
Was aber kritisch hinterfragt werden muss ist der mediale Hype um den Wechsel Gabriel/Schulz (im Anschluß an die Ernennung des SPD-Mannes Steinmeier zum Bundespräsidenten). Hier habe ich Bild & Co., die „Institute“ sowie spezielle Auftraggeber sofort im Verdacht gehabt eine Geschichte von JETZT angeblich spannenden Wahlen schreiben zu wollen. Dabei war und ist die SPD substanziell auf einem nicht bekannten Tiefpunkt und die Zweistelligkeit der AfD Historie.
Ich wünsche mir, dass bei solchen drastischen Veränderungen in den Prognoseerkenntnissen nicht nur Stichproben von 1.000 Personen herangezogen werden sondern durch 3-5-fache Volumen an Befragten verifiziert werden.
Prognosequalität hat ihren Preis – das müssen Profis beherzigen !!

5: Andy:

9. Mai 2017 um 15:28 Uhr

In den Tagen vor der Wahl sind in den Medien massiv CDU Themen gespielt worden zu denen Kommentare des Koalitionspartners SPD und ihrer Spitzenleute kaum vernehmbar waren.

Man denke an den „Skandal von oben“ von Frau von der Leyen, mit der von dem Aspekt des Falls Franco A. abgelenkt wurde, der der Kanzlerin gefährlich werden kann und die 10 Punkte von Thomas de Maizere. Kleiner Tipp, es gibt in fast jeder Kaserne Schwarzmunition, es gibt in fast jeder Kaserne museale Präsentationen von Wehrmachtsausrüstung. Das ist auch in der Truppe bekannt und als solches nicht problematisch. Ich erinnere mich noch gut an die Fallschirmjäger von 314. In der Kaserne hingen Wehrmachtsuniformen ausgestellt und der Stubenordner enthielt die Geschichte der Fallschirmjäger im II. Weltkrieg. In der Kaserne ist ja damals der MdB Thomas Kossendey ein und aus gegangen, eines der Schwergewichte im Verteidigungsausschuss. Das war ja auch gar nicht problematisch und hatte nichts mit dem Traditionserlass zu tun.

Ihr Kommentar

Die Kommentare zu diesem Beitrag wurden geschlossen