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ARD-aktuell

7. Mai 2017

Präsidentschaftswahl Frankreich

So spannend es sein mag, wer in Schleswig-Holstein künftig regiert: Die Präsidentschaftswahl in Frankreich ist eine Schicksalswahl für Europa. Ein Sieg von Marine Le Pen würde nicht nur Frankreich, sondern die ganze Europäische Union verändern. Deshalb behalten wir aus dem ARD-Wahlstudio beide Länder genau im Blick. Um Punkt 20 Uhr, mit Beginn der Tagesschau, zeigen wir die erste Hochrechnung des französischen Wahlforschungsinstitut Kantar Sofres, das uns als Partner von Infratest dimap die Daten auch für das deutsche Fernsehen zur Verfügung stellt.
Anders als in Deutschland üblich, gibt es in Frankreich keine Wahltagsbefragung, also keine sogenannte Exit Poll. Die französischen Institute können darauf verzichten, weil in den meisten Teilen Frankreichs die Wahllokale bereits um 19 Uhr schließen, dann sofort mit der Auszählung begonnen wird, die Wahl in den größeren Städten wie Paris oder Lyon aber erst um 20 Uhr beendet ist. Kantar Sofres wird in rund 200 ausgewählten Wahllokalen in ganz Frankreich die Auszählungen beobachten und die Daten dann hochrechnen.
Ob mit der dann ersten Veröffentlichung um 20 Uhr die Wahl tatsächlich entschieden ist, wird vom Abstand der beiden Kandidaten abhängen, ist aber wahrscheinlich, denn in den letzten veröffentlichten Telefon- und Internet-Umfragen erreichte der linksliberale Emmanuel Macron Werte zwischen 59 und 63 Prozent. Die rechtsnationale Marine Le Pen zwischen 37 und 41 Prozent. Läge die erste Hochrechnung in diesem Bereich, wäre der Abstand der Kandidaten deutlich größer als jeder denkbare statistische Fehler. Diese Abweichungen sind in Frankreich häufig durchaus größer, als wir das von deutschen 18 Uhr-Prognosen kennen. Im ersten Wahlgang am 23. April wurde zum Beispiel Marine Le Pen vom Institut Kantar Sofres in der ersten Veröffentlichung um 1,7 Prozentpunkte überschätzt. Und noch eine Besonderheit gehört bei französischen Präsidentschaftswahlen seit Jahren dazu: Weil in Frankreich die Veröffentlichung von Umfragen oder Hochrechnungen am Wahltag bis 20 Uhr verboten ist, sickern immer wieder Zahlen an belgische Medien durch, die dann – wie heute Nachmittag von der belgischen Zeitung Le Soir – bereits frühzeitig in den Agenturen und im Netz kursieren, so oft bei unklarer Quellenlage, erweisen sich diese Informationen manchmal im Rückblick als zutreffend und manchmal auch nicht. Das, was in Belgien heute veröffentlicht wurde, ist zumindest nach den Umfragen nicht unplausibel: Danach soll Emmanuel Macron mit gut 60 Prozent der Stimmen führen.
Aus deutscher Sicht völlig unverständlich bleibt bei all dem, warum eine rechtsnationale Kandidatin es im ersten Wahlgang auf gut 20 Prozent der Stimmen bringt, damit ihr Wählerpotential ausgeschöpft zu haben scheint, dann trotzdem noch zusätzliche Stimmen aus dem linken und bürgerlichen Lager gewinnen kann. So haben nach Umfragen zum Beispiel 29 Prozent derjenigen, die im ersten Wahlgang den konservativen François Fillon gewählt haben, erklärt nun für Le Pen stimmen zu wollen. Und beim linkradikalen Kandidaten Mélenchon haben das immerhin auch 17 Prozent gesagt. Das passt nicht in unser politisches Einmaleins.
Die plausibelste Erklärung ist eine gesellschaftliche Stimmung in Frankreich, die mit unserer in keiner Weise vergleichbar ist. Das beginnt schon beim Blick auf die wirtschaftliche Lage. Als für das Eurobarometer im vergangenen Herbst parallel in Deutschland und in Frankreich danach gefragt wurde, ergab das genau gegensätzliche Ergebnisse. Während in Frankreich nur 15 Prozent die Lage als gut und 82 Prozent als schlecht bezeichneten, erklärten bei uns in Deutschland 87 Prozent die Wirtschaftslage für gut und 10 Prozent als schlecht. Ähnlich unterschiedlich ist das Bild beim Vertrauen in die politischen Systeme. Während in Deutschland eine Mehrheit von 59 Prozent davon ausgeht, dass „die Interessen von Menschen, wie mir durch das politische System gut berücksichtigt werden“, sagt das in Frankreich nur eine Minderheit von 27 Prozent.
Im Ergebnis bedeutet das: Menschen, die sich im demokratischen System Frankreichs nicht aufgehoben fühlen und/oder die schlechte wirtschaftliche Lage beklagen, haben einen Impuls mit ihrer Stimme heute ein Zeichen des Protests zu setzen. Und da mögen die Verhältnisse der Präsidentin Le Pen nicht unbedingt besser werden, für Aufsehen sorgen würde ihr Sieg weit über das eigene Land hinaus.

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