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ARD-aktuell/Verifikation

7. Juni 2016

Anschlag in Istanbul: Verifikation via Youtube und Twitter

Heute Morgen um 7:46 Uhr hat die Redaktion eine erste Eilmeldung der Agentur Reuters zu einem Anschlag in Istanbul erreicht:

„EXPLOSION ROCKS ISTANBUL DISTRICT NEAR BUS STOP, SOME WOUNDED – CNN TURK“

Im Anschluss wurden die Meldungen und Berichte sowohl der Nachrichtenagenturen als auch unserer Kollegen im ARD-Studio Istanbul immer konkreter. Demnach explodierte im Zentrum von Istanbul gegen 7.40 Uhr eine ferngezündete Bombe, als ein Fahrzeug mit Bereitschaftspolizisten vorbeifuhr. Erst später wurde bekannt: Die Bombe war gegenüber einem bei Touristen beliebten Hotel in der Nähe der U-Bahnstation Vezneciler platziert, von der aus zahlreiche Sehenswürdigkeiten in der Altstadt wie der Große Basar oder die Süleymaniye-Moschee schnell zu erreichen sind.

Wie in solchen Fällen üblich, überprüfte die Tagesschau-Redaktion die bekanntesten Socialmedia-Kanäle wie u.a. YouTube, Facebook und Twitter, um mögliche Augenzeugenberichte zu finden und deren Inhalt und ihren Ursprung zu überprüfen.

Für die Suche nach Socialmedia-Beiträgen orientierten wir uns in diesem Fall an den Vorschlägen des EU-finanzierten „Reveal Projects“ „How to find breaking news on Twitter“ in ihrer türkischen Übersetzung.

Ziel der Projektgruppe ist laut eigener Website:

„REVEAL aims to advance the necessary technologies for making a higher level analysis of social media possible. The project will enable users to reveal hidden ‘modalities’ such as reputation, influence or credibility of information.“

YouTube-Video von Senol Karadogan

Die Suche mit dem Twitter-Tool „Tweetdeck“ förderte mehrere Tweets zutage; unter anderem den Twitter-Account von Senol Karadogan. Ein bei YouTube veröffentlichtes Video hatte er bei Twitter gepostet:

Auf dem Twitter-Account von Senol Karadogan waren zuvor bereits Fotos vom Anschlagsort gepostet worden. Daher schien es wahrscheinlich, dass der Account-Inhaber selbst vor Ort war. Die Frage nach der Urheberschaft bestätigte Karadogan dann auch via Twitter:

Twitterdialog mit Karadogan zu Anschlag in Istanbul

Twitterdialog mit Karadogan zu Anschlag in Istanbul

Über das ARD-Studio in Instanbul erfuhren wir den konkreten Ort des Anschlags, um ihn bei Google Maps auf der Karte suchen zu können: „Şehzadebaşı Cad- Nähe Şehzade Moschee“. Ein besonders markantes Gebäude im Video von Şenol Karadogan ließ sich mit Google Street View sehr schnell finden:

Screenshot: Erstes Youtube-Video von Senol Karadogan

Screenshot: Erstes Youtube-Video von Senol Karadogan


Screenshot Google Maps: Markantes Gebäude in Istanbul

Screenshot Google Maps: Markantes Gebäude in Istanbul


Das Hotel Celal Aga Konagi in Istanbul

Wie sich über Google Maps herausfinden ließ, handelt es sich bei dem markanten Gebäude um das Celal Aga Konagi Hotel in Istanbul:

Screenshot Google Maps Hotel Celal Aga Konagi

Screenshot Google Maps Hotel Celal Aga Konagi

Auf der Website des Celal Aga Konagi Hotels wird die Anfahrt zum Haus grafisch dargestellt und bestätigte damit die Lage des Gebäudes beim Anschlagsort:

Screenshot: Anfahrt zum Celal Aga Kunagi Hotel in Istanbul

Screenshot: Anfahrt zum Celal Aga Kunagi Hotel in Istanbul

Amateurvideo via Reuters

Über die Agentur Reuters wurde unterdessen unter der Bezeichnung „Turkey-blast/AMVID“ ein weiteres Augenzeugenvideo angeboten. Wie eine Nachfrage beim Reuters News Desk ergab, hatte die Agentur das Video von einem Augenzeugen erhalten, der nicht namentlich genannt werden will.


Verifikation über zweites YouTube-Video von Senol Karadogan

Auch wenn die Nachrichten-Agenturen in der Redaktion der Tagesschau in der Regel großes Vertrauen genießen, werden Inhalte soweit möglich von der Tagesschau auf ihre Authentizität hin geprüft. Eine direkte Prüfung des Videos über den Urheber war in diesem Fall leider nicht möglich. Wie eine inhaltliche Verifikation durch die Tagesschau-Redaktion ergab, wurde das Video aber ebenfalls in direkter Nähe des Hotels aufgenommen. Zwei Dinge lassen dies deutlich werden:

1.) In dem Video lassen sich Gebäude erkennen, die auf der gegenüberliegenden Seite des Celal Aga Konagi Hotels bei Google Maps wiederzufinden sind – wenn auch verschwommen:

Screenshot Reuters Amateurvideo zu Anschlag in Istanbul

Screenshot Reuters Amateurvideo zu Anschlag in Istanbul


Screenshot Google Maps: Gegenüberliegende Straßenseite des Hotels Celal Aga Konagi

Screenshot Google Maps: Gegenüberliegende Straßenseite des Hotels Celal Aga Konagi

2.) Es gibt einen indirekten Nachweis, dass das Reuters-Amateurvideo aus der Lobby des Hotels Celal Aga Konagi aufgezeichnet wurde: Denn in einem zweiten Video des Twitter-Users Senol Karadogan – veröffentlicht auf dessen YouTube-Kanal – finden sich entscheidende Parallelen.

Das zweite Video von Senol Karadogan findet sich hier: Zweites YouTube-Video von Senol Karadogan

Karadogan läuft zunächst hinter einem Haus entlang und an einem Gebäude vorbei. Dass es sich dabei um das Celal Aga Konagi handelt, wird spätestens anhand folgender Stelle klar, als an der Außenwand des Hotels ein Bild des Spa-Bereichs zu erkennen ist, welches sich auf der Website des Hotels wiederfindet:

Screenshot v. Senol Karadogan: Spa-Bereich an Hotel-Außenwand

Screenshot v. Senol Karadogan: Spa-Bereich an Hotel-Außenwand


Auf der Website des Hotels Celal Aga Konagi findet sich das Foto aus dem Spa-Bereich wieder.

Auf der Website des Hotels Celal Aga Konagi findet sich das Foto aus dem Spa-Bereich wieder.

Nun ist also klar, dass das zweite YouTube-Video von Senol Karadogan die Rückseite des besagten Hotels zeigt. Und das hilft uns bei der Bewertung des oben beschriebenen Reuters-Amateurvideos. Denn in beiden Videos ist jeweils zu Beginn ein zerstörter Gebäudeteil zu sehen, der nun ganz eindeutig als die zerstörte Lobby des Hotels identifiziert werden kann:

Screenshot aus dem zweiten Youtube-Video von Senol Karadogan.

Screenshot aus dem zweiten Youtube-Video von Senol Karadogan.


Screenshot aus dem Reuters-Amateurvideo: Es beginnt in der Lobby des Hotels Celal Aga Konagi.

Screenshot aus dem Reuters-Amateurvideo: Es beginnt in der Lobby des Hotels Celal Aga Konagi.

Fazit:
Auch wenn die Tagesschau die Handyvideos und Photos von Senol Karadogan gar nicht zeigte, so waren sie doch extrem hilfreich, um die Authentizität des Amateurvideos der Agentur Reuters zu belegen. Dieses Video wurde dann auch durch unseren Korrespondenten in Istanbul, Oliver Mayer-Rüth, in den Beiträgen für die Tagesschau und die Tagesthemen verwendet.

Amateurvideo Reuters in der Tagesschau

Amateurvideo Reuters in der Tagesschau

Hier ist der Link zum Beitrag von Oliver Mayer-Rüth heute in der Tagesschau um 17 Uhr.


Wolfgang Wichmann

18 Kommentare

RSS Feed der Kommentare

1: Urte:

7. Juni 2016 um 17:44 Uhr

Danke, dass es diesen erklärenden Blog gibt. Er hilft, fehlendes Vertrauen in die Presse zurückzugewinnen oder es zu erhalten. Weiter so!

2: Lukas Schmidt:

7. Juni 2016 um 18:09 Uhr

Danke für diese ausführliche Erklärung! Es scheint sich um seriöse Recherche zu handeln — ein gutes Vorbild also. Ich freue mich 🙂

3: Henning Gu:

7. Juni 2016 um 18:16 Uhr

Da sieht man die Macht des Internets.

4: imalipusram:

7. Juni 2016 um 18:43 Uhr

Ein klasse Blick „hinter die Kulissen“ – Danke!

5: Homedpdus:

7. Juni 2016 um 19:22 Uhr

So macht man seriösen Journalismus heute. Sehr interessanter Beitrag. Vielen Dank

6: Klar Name:

7. Juni 2016 um 19:40 Uhr

auch ich danke für die ausführliche erklärung. gerne öfter und mehr davon. eine gute lektion in sachen medienkompetenz und wie sie an mediennutzer hernagetragen werden kann!

7: Hans Jonen:

7. Juni 2016 um 22:39 Uhr

Moment, das ist doch Streetview. Schade, dass wir das in Deutschland nicht wollten

8: Alex:

7. Juni 2016 um 23:03 Uhr

Gute Analyse,aber ich wollte noch allgemein anmerken, dass man vorallem Bild-und Videomaterial manchmal sich nicht so leicht, wie in diesem Fall verifizieren lassen. Vorallem wenn diese gut Bearbeitet(verändert) wurden und man keine direkte Quelle erreichen kann (ist auch eine Frage ob man dieser Vertrauen kann). Dann muss man diese Materialien per Analyse Software bzw. Programmierung (Mustererkennung mit z.B. Matlab…) auf Manipulation überprüfen, was über die hier erwähnten Rechersche-Arbeiten hinausgeht. bellingcat.com macht zum Teil gute Arbeit.
Als RAT an alle großen Redaktion, wie ARD macht eure Analyse auf mehreren Ebenen, und wenn dies nicht erfolgt lasst dieses Material weg.
Nicht das es sich später um falsche Fakten handelt und ihr als Journalisten habt eine Verantwortung bezüglich der Allgemeinheit, uns mit korrekten Tatsachen zu versorgen.

    : Verifikation:

    8. Juni 2016 um 10:01 Uhr

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Beste Grüße aus der Redaktion.

9: Henry:

7. Juni 2016 um 23:31 Uhr

Sehr interessanter Beitrag. Vielen Dank!

10: MJ:

7. Juni 2016 um 23:34 Uhr

Danke – sehr interessanter Hintergrundartikel!
Ist die Verifikation von Nachrichten vielleicht auch der Grund, wieso die Eilmeldungen der Apps von tagesschau und (vor allem) ZDFheute teils deutlich zeitversetzt veröffentlicht werden?

Wenn SPIEGELonline bereits breaking news ‚rausballert (samt Rechtschreibfehlern, Interpunktionsfehlern oder auch mal ganz ohne Inhalt), atmen besagte Apps/Redaktionen scheinbar nochmal tief durch.

Wünschenswert, in dieser schnelllebigen Nachrichtenwelt. Ich warte gerne ein paar Minuten länger auf bestätigte und verlässliche Informationen.

11: UnLimiTeD:

7. Juni 2016 um 23:44 Uhr

Ein Interessanter Hintergrundbericht, wenn auch anlässlich eines Traurigen Moments.
Danke dafür! Irgendwie schön zu sehen, das ihr auch nur mit Wasser kocht, wenn auch sehr gewissenhaft.

12: Vanessa:

8. Juni 2016 um 00:32 Uhr

Vielen Dank für diesen interessanten,aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen im Journalismus. Gerne mehr davon!

13: Bronski:

8. Juni 2016 um 00:42 Uhr

Danke!
Ein wunderbares Beispiel und eine sehr gute Erklärung für Ihre Recherche-Arbeit. Und ein starkes Argument gegen die Schwätzer von der „Lügenpresse“.

Ein kritischer Leser und „Schauer“

14: SB, z.Zt. Pozzuoli, Italien:

8. Juni 2016 um 00:44 Uhr

Gefährden Sie mit Ihrer seriösen Publikation nun das Leben von Senol Karadogan, der bald in einem türkischen Gefängnis schmachtet? Tragen Sie bitte Sorge zu solchen couragierten Menschen! Und vielen Dank für Ihre wichtige und geprüfte Berichterstattung.

15: Majula:

8. Juni 2016 um 01:01 Uhr

Sehr gute Recherche, vielen Dank!

16: DA:

8. Juni 2016 um 02:09 Uhr

Dürfen Journalisten vom ARD-Studio Istanbul nicht recherchieren?
Von 7:40 bis 16:21 Uhr war keiner in der Lage, vor Ort zu recherchieren?
Seit doch mal ehrlich: Würden alle Beiträge so deutlich geschrieben wie dieser, wäre die momentane Situation der Türkei unter Erdogan auch deutlicher.
Politik und Nachrichten verschönern meiner Meinung nach nur das Bild auf die Missstände anstatt zu handeln bevor es zu spät ist.

    : Verifikation:

    8. Juni 2016 um 09:59 Uhr

    Ihr Beitrag ist missverständlich: Nur weil dieser Blog-Beitrag erst um 16:21 Uhr online gestellt wurde, heißt das doch nicht, dass es nicht zuvor auch schon Erkenntnisse gab. Was wollen Sie uns also konkret vorwerfen? LG aus der Redaktion.

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