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ARD-aktuell

19. Januar 2016

Der erste Verdächtige von Köln

Eine Meldung aus der Tagesschau von heute: Nach 18 Tagen hat die Polizei den ersten Verdächtigen festgenommen, der in der Silvesternacht an den sexuellen Angriffen auf Frauen beteiligt gewesen sein soll. Nach 18 Tagen! Anlass, nach fast drei Wochen noch einmal zurückzublicken auf unsere Berichterstattung. Denn die Diskussion über den Zeitpunkt der überregionalen Berichterstattung reißt nicht ab.

Noch immer fragen Menschen, warum der erste Tagesschau-Bericht über die Silvesternacht in Köln am 4. Januar lief. Dies hat mehrere Gründe: Erstens: die Desinformation der örtlichen Polizei. Erst am 4. Januar informierte die Polizei über das Ausmaß der Geschehnisse. Zweitens: soziale Medien. Ja, es gab seit dem Neujahrstag Hinweise auf die Übergriffe und Attacken am Hauptbahnhof. Wir haben das gesehen, fanden es eklig und abstoßend, aber es schien vom Umfang her nichts für die überregionale Berichterstattung zu sein. Drittens: die Opfer. Viele waren von auswärts zum Feiern nach Köln gekommen und kehrten in der Nacht in ihre Heimatorte zurück, was die Zahl der Opfer zunächst kleiner erscheinen ließ. Viertens: Die Art des Delikts. Diese Misshandlungen und Demütigungen führten dazu, dass viele Opfer sich aus Scham nicht meldeten. Erst durch das Bekanntwerden anderer Fälle, fühlten sich viele Frauen ermutigt Anzeige zu erstatten. Fünftens: Andere Medien. Die überregional agierende dpa, die nun weiß Gott keinen Tabus unterworfen ist, berichtete in einer Meldung noch am Sonntag (3.1.) von etwa 30 Fällen. Die ortsansässigen Medien wie z.B. der Express kamen an diesem Tag weiter. So scheint den Kollegen beim Kölner Stadtanzeiger das Ausmaß der Verbrechen an diesem Tag klar geworden zu sein. Bei uns war dies nach der Pressekonferenz am Tag darauf der Fall.

Wir haben in den vergangenen Tagen innerhalb der Redaktion intensiv über die Berichterstattung zu Köln diskutiert. Quintessenz: Auf der Basis der Informationen, die uns bis zum 3. Januar zur Verfügung standen, würden wir wohl wieder genauso handeln. Dabei eint uns in der Redaktion das doppelte Entsetzen – zum einen über die widerlichen Attacken, zum anderen über die Tatsache, dass Verbrechen dieses Ausmaßes im Internet-Zeitalter so lange nicht in ihrer Dimension erkannt werden. Natürlich haben wir über Konsequenzen beraten. Zunächst einmal werden wir künftig sehr viel skeptischer mit Pressemitteilungen der Polizei umgehen. Vor allem müssen wir aber an Feiertagen und Wochenenden, an denen andere Redaktionen und Medien dünner besetzt sind, beim kleinsten Zweifel an einer Sache noch tiefer in die eigene Recherche einsteigen.

Bleibt die Frage nach einem Tabu. Gab es eine Schere in den Köpfen von ARD-aktuell, die verhinderte, dass wir über Ausländerkriminalität berichten? Hier hilft am besten ein Blick in unser Programm vom 3. Januar (!). In den Tagesthemen gab es an diesem Abend - ohne Kenntnis der Ereignisse von Köln – einen Bericht über arabische Clans im deutschen Großstadtmilieu, über deren Straftaten und über rechtsfreie Räume. Als hätten wir eine Vorahnung von Köln gehabt, ein Tabu hatten wir jedenfalls nicht.

14 Kommentare

RSS Feed der Kommentare

1: Gregor Keuschnig:

19. Januar 2016 um 09:53 Uhr

“ohne Kenntnis der Ereignisse von Köln” – am 3. Januar?
Das ist mit Verlaub vollkommen unglaubwürdig. Und wenn es stimmen sollte, fragt man sich, in welcher Filterblase die Redaktion sitzen muss, um von diesen Ereignissen nach drei Tagen keine Kenntnis gehabt zu haben.

2: ohrenzwicker:

19. Januar 2016 um 12:49 Uhr

Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit, sich daran zu halten ist sehr klug. Es gingen viele Falschmeldungen und Lügen durch das Netz, die aber als Wahrheit verkauft wurden. Mir scheint, viele Medien sind an einem Rechtsruck in diesem Land interessiert, befürchten aber einen Linksruck völlig unbegründet, mangels Masse(SPD). Sie heizen aber damit die Stimmung bewusst an und bestärken den rechten Mob. Kein Wunder, dass viele somit Zeitungen nicht mehr kaufen.

3: Johannes Richard:

19. Januar 2016 um 16:24 Uhr

Sehr passend finde ich den Kommentar von Jan Fleischhauer bei Spiegel Online, der auf den Punkt bringt. Ich darf zitieren:

“Bei “heute-journal” und “Tagesthemen” schafften es die Vorfälle in Köln am Montagabend immerhin in den Nachrichtenüberblick. Etwas über eine Minute widmeten die “Tagesthemen” den Übergriffen, allerdings nicht ohne gleich eine warnende Stimme einzuspielen, dass man sich vorsehen müsse, jetzt nicht den falschen Leuten in die Hände zu spielen.

“Es ist ja schon absehbar, dass das rechte Spektrum genau diesen Sachverhalt nutzen wird, um zu sagen: seht ihr, das haben wir euch immer gesagt”, kommentierte ein braver Gewerkschaftsmann der Polizei die Geschehnisse der Silvesternacht. Das ist das Enervierende am Nanny-Journalismus: Es gibt kein Bild und keinen O-Ton, bei denen man den Menschen nicht dazu sagt, welchen Reim sie sich darauf zu machen haben.”

Das war mir damals auch schon aufgefallen.

Muss das sein?

4: Ronaldo:

19. Januar 2016 um 20:36 Uhr

Es tut mir leid, aber ich glaube Euch einfach nicht mehr.
Ich glaube eher Ihr verschwendet meine GEZ Beiträge.

5: Andreas Reinhardt:

20. Januar 2016 um 20:14 Uhr

Herr Gniffke,

sie machen sich selbst etwas vor.

6: Maria A.:

20. Januar 2016 um 22:37 Uhr

Schließe mich Herrn Reinhardt an. Ich möchte noch anfügen, dass ich überaus erbost bin, wie man uns “hinter die Fichte führt”. Zuerst will man absolut noch nie etwas vom “Antanzen” gewusst haben, obwohl die Polizei dort diesen Begriff bereits häufig gebraucht hat. Da ist es ja geradezu unmöglich, dass die überall nach neuen Sensationen für ertragreiche Schlagzeilen herumschnüffelnde Journalie bis nach Silvester nichts davon mit bekommen haben will. Und einige Tage nach dem allgemeinen Aufschrei sieht man im Fernsehen plötzlich Filmmaterial über das “Antanzen im kleinen Kreis”. Da glaubt doch der Mediennutzer, “sein Schwein pfeift”! Zuerst stellt man sich beim Öffentlich-Rechtlichen ahnungslos, nach 3 Tagen gibt man Übergriffe zu, rät jedoch zu Vorsicht und keiner Pauschalverurteilung von Afrikanern und nach
5, 6 Tagen präsentiert man dem Zuschauer Überwachungsmaterial vom “Antanzen live”, wie es seit Monaten bereits praktiziert” wird. Was soll man da noch glauben?

7: Bertram in Mainz:

21. Januar 2016 um 14:47 Uhr

Seriöse Medien sollen informieren. Das geschah und geschieht. In einem solchen Fall ist die Schnelligkeit nicht das Wichtigste. Mir erscheint die Kritik künstlich aufgeblasen. Hätte man reißerische Eilmeldungen bringen sollen im Stile irgendwelcher BLÖD-Zeitungen?

8: AndreasS:

23. Januar 2016 um 11:46 Uhr

Wer sich verteidigt……klagt sich an!
Klappe halten und die Arbeit sorgfältig abliefern. Gehirn einschalten und rational handeln. Abwägen, Entscheidungen treffen und dazu stehen. Fehler eingestehen. Fehler korrigieren. Menschlich sein. Egoismus
hinten anstellen. Und noch vieles mehr………!
Die Werte sind verloren……die Menschen versagen. Wir opfern unsere Kinder, Mädchen und Frauen für einen Traum. Oder vielleicht ist es ein Trauma, welches wir in uns tragen? Müssen wir in Behandlung gehen?
Gedanken eines europäischen Jungen

9: Jochen v.d.K.:

24. Januar 2016 um 06:45 Uhr

Herr Gniffke,

ihre oberflächlich schöne Rechtfertigung ist leider sehr löchrig und widersprüchlich. Schon früher einmal haben Sie in Ihrer pseudo-aufklärerischen Weise Ihre Bemühungen geschildert, wie Sie ein Nachrichtenstück gerade noch in die 20-Uhr-Sendung bringen. Jetzt aber warten Sie wochenlang und haben noch nicht einmal etwas konkret daraus gelernt. Traurig ist das.

Deutlich wird auf jeden Fall Ihre Filterbrille “Es darf nicht sein, was nicht sein darf”. Den schwarzen Peter dann noch auf die Polizei zu schieben – Das ist allerdings das Fieseste überhaupt.

Übernähmen Sie Verantwortung, dann müssten Sie gehen. Die Zeiten sind doch vorbei, in denen uns um Punkt acht die Nachrichten vom Krawattenmann vorgelesen werden mussten. Milliarden von Gebühren werden für ineffiziente Berichterstattung wie diese verplempert.

10: Werner:

24. Januar 2016 um 10:27 Uhr

Das Hinweise auf Ihren Wahrheitsgehalt Überprüft werden müssen liegt auf der Hand. Das man hier etwas Zögerlich vorgegangen ist, ist auch der Tatsache geschuldet das viele Hanebüchene Meldungen über Flüchtlinge und deren Verhalten im Umlauf waren und Möglicherweise immer noch sind.
Deshalb kann ich die Kritik an der Berichterstattung nicht nachvollziehen. Seriös ist nicht Blitzschnell sondern gründlich in der Recherche.

11: Tom:

25. Januar 2016 um 15:09 Uhr

Ihr habt mich für dumm verkauft – ich hab mir seit Monaten schon keine Zeitung mehr gekauft. Dieses Vertrauen gewinnt Ihr nie mehr zurück.

12: Wollux:

25. Januar 2016 um 17:08 Uhr

Es guckt doch eh kaum noch einer hin!

Kaum jemand hat Zeit und Lust, länger als ein Jahr lang Berichterstattung zu kritisieren! Das fing (für mich) mit der Berichterstattung zum “regime change” in der Ukraine an und setzt sich seitdem fort, und sowohl die Reihen der Verteidiger als auch die der Ankläger hier haben sich doch merklich gelichtet: Man informiert sich halt woanders.

Für das “Flagschiff” der Ö-R-Berichterstattung läuft das wohl auf einen langsames Dahinsterben raus: Ich werde ab und zu mal reinschauen, ob ich mit der Prognose recht habe.

13: Wolf:

27. Januar 2016 um 06:43 Uhr

Es ist weniger die Tatsache der späten Berichterstattung für sich alleine (für die sich das ZDF z B an offizieller Stelle – nicht in einem Blog – und nach nur einer Woche schon entschuldigt hat). Es ist die Kombination mit der dann zähen, geradezu widerwilligen Berichterstattung zum Thema. Speziell die Herkunftangabe der Täter. In den ersten Berichten gar keine Info, dann möglicherweise, angeblich, vermutet, nach Opferberichten…Personen mit nordafrikanischem, arabischen Hintergrund….bis dann wirklich Dank andere Medienberichte nicht mehr vernebelt werden konnte: Flüchtlinge. Und selbst heute wird bei der Aufzählung der Tätergruppen allen voran die Deutsche gestellt, obwohl nach Anzahl komplett unerheblich und -Vermutung – auch mit ” NAFRI”- Hintergrund.
Es ist das Gesamtbild von TS Onlineredaktion, was den geneigten Leser eine Voreingenommenheit vermuten lässt.

14: Cäsar:

30. Januar 2016 um 11:06 Uhr

Die anfänglichen Unklarheiten waren den widersprüchlichen Aussagen des Mädchens geschuldet. Sie hätte besser ganz geschwiegen, denn der Besuch bei einem Bekannten und seiner Mutter war allein ihre Angelegenheit und die ihrer Eltern, aber keinesfalls die eines russischen Außenministers.

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