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Auslandskorrespondenten

17. Mai 2013

Abschiedsblog aus Rom

“Und das ist Herr Troendle, unser neuer Korrespondent in Rom …“ – ich erinnere mich gut an die Rundreise durch die Redaktionen der ARD-Programme vor Beginn meiner Korrespondentenzeit vor fünf Jahren. Die Augen der Kolleginnen und Kollegen begannen nämlich jedes Mal zu leuchten, und man konnte den meisten Gesichtern deutlich ansehen, was sie gerade dachten: Rom – Italien – Sonne – Sommer – Meer – Rotwein – Ferien – Klick! Ich war also derjenige, der das große Los gezogen hatte, der ins Land der Sehnsüchte der anderen ziehen durfte. Der Italien-Korri, der sitzt im Straßencafé und trinkt Cappuccino und anschließend erzählt er ein bisschen was über O sole mio und Berlusconi … – auch nach fünf Jahren gab es jede Menge Kollegen, die mich am Telefon zuerst mal mit der Frage begrüßten, wie das Wetter in Rom denn so sei und ob sie mich gerade in der Pizzeria stören …

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Um diese Fragen definitiv zu klären: Ja, in Italien ist es meistens etwas wärmer – aber das Wetter ist nicht unbedingt schöner. Wir hatten zum Beispiel aktuell den miesesten Frühling seit 200 Jahren. Und die Pizza in Italien ist tatsächlich besser – hat aber für mich trotzdem irgendwie nur den Charakter von hochqualitativem Fastfood, deswegen traf man mich in Pizzerien eher selten an …

Was nach Italien zu ziehen bedeutete, war mir zumindest in Teilen klar – schließlich hatte ich hier schon mal gelebt. Was es heißt, mit einer Familie – meiner Frau und meiner damals einjährigen Tocher (inzwischen ist sie fast sechs und spricht italienisch mit römischem Akzent) – im Zentrum dieser megachaotischen, unorganisierten, lauten, dreckigen Metropole zu wohnen, eher weniger. Das erste Wort, das meine Tochter aussprechen konnte, war “Müllauto”. Wo andere Kleinkinder Angst vor Monstern im Kleiderschrank haben, fürchtete sich meine Tochter vor der Müllabfuhr, die in Rom übrigens sehr gut funktioniert: Sie kommt nachts zwischen 1.00 und 3.00 Uhr – jede Nacht – und sie macht einen höllischen Lärm. Tagsüber sind die Straßen leider so zugeparkt, dass keine LKW durchpassen.

Überhaupt: der Verkehr in Rom ist dass alles beherrschende Thema. Ich kenne keine andere europäische Hauptstadt, in der es nicht mal Busfahrpläne gibt, in der bei Regen kein Taxi zu bekommen ist und in der man ganz entspannt auf dem Zebrastreifen parken kann (habe ich nicht gemacht, aber leider alle anderen), während der Verkehrspolizist fünf Meter weiter in die andere Richtung schaut und sich eine Zigarette anzündet. Nebenbei ist der römische Straßenverkehr absolut lebensgefährlich – dass die Italiener viel besser Auto fahren als die Deutschen, trifft zumindest auf die aggressiven Römer definitiv nicht zu. Übrigens: Natürlich hat die Stadt ihre sehr sehr schönen Seiten. Noch nie habe ich so lange so nah am Meer gewohnt – was andere im Urlaub gemacht haben, konnten wir, wenn wir wollten und es die Arbeit erlaubte, jedes Wochenende per Ausflug bewältigen …

Nicht nur aufgrund der manchmal wirklich stressigen Lebensumstände waren das nämlich die fünf schnellsten Jahre meines Lebens. Berlusconi, Monti, Euro-Krise, drei Erdbeben, Costa Concordia, Bootsflüchtlinge – nach diesen fünf Jahren kann ich wirklich sagen: Es war alles dabei und vor allem: es war ständig was los! Das absolute Highlight meiner sicherlich gesamten beruflichen Laufbahn war die mehr als halbstündige Live-Übertragung des “Habemus Papam” gemeinsam mit meinem Kollegen und sehr fähigen Nachfolger Jan-Christoph Kitzler direkt vom Petersplatz. Darüber berichten zu dürfen, wie gerade Geschichte geschrieben wird – ein Papst, der die Wahl seines Nachfolgers erlebt, der erste Papst, der nicht aus Europa stammt: das war für einen Journalisten ein echtes Privileg.

Was bleibt? Viele aufblitzende Erinnerungen an meine netten Partner Gregor Hoppe und Tilmann Kleinjung, an viele gemeinsam erlebte und bewältigte spannende oder tragische Ereignisse. Das furchtbare Erdbeben von L’Aquila, das mich am 6. April 2009 um 3:32 Uhr auch in Rom buchstäblich aus dem Bett gehauen hat. Das Riesenengagement der ehrenamtlichen Zivilschutzhelfer vor Ort. Zwei Jahre später: Der frustrierende Rundgang durch eine zerstörte Geisterstadt, in der seitdem (und jetzt immer noch) fast nichts passiert ist. Aber auch: Waldbrände löschen mit den Hubschrauberpiloten der italienischen Forstpolizei, Skifahren auf dem Ätna (der einen Tag später ausbrach), der Mega-Lottogewinn von Bagnone und die Begleitung von Benedikt XVI. auf vielen seiner Reisen.

Genervt war ich eigentlich nur von (wenigen) Kollegen aus Deutschland, die mich überreden wollten, in meinen Beiträgen ihre Italien-Vorstellungen, also die Außensicht, eins zu eins abzubilden. ARD-Korrespondent in Rom zu sein bedeutete für mich jedenfalls die Chance, alle Hörer und User das Land fünf Jahre lang durch meine Augen sehen lassen zu können. Gelungen ist mir das sicher nur in Teilen, aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Italien ist im Ganzen gesehen ein wirklich fantastisches Land. Man sollte nur keine deutschen Maßstäbe anlegen, die Hauptstadt nicht überbewerten und vor allem die italienische Politik abziehen. Die kommt mir nämlich auch heute noch immer wieder wie ein großes Rätsel vor. Immerhin eines ist tröstlich: Vielen Italienerinnen und Italienern geht das ganz genauso …

Arrivederci da Roma sagt: Stefan Troendle

6 Kommentare

RSS Feed der Kommentare

1: TomInMuc:

17. Mai 2013 um 23:34 Uhr

Und jetzt setzen Sie sich bitte hin und schreiben ein Buch über Ihre Erlebnisse und Eindrücke in den fünf Jahren!
Das wäre doch was! Ein Blick hinter die Kulissen, mal charmant, mal gruselig.

Viel Erfolg bei Ihren neuen Aufgaben!

2: Christoph Ebner:

18. Mai 2013 um 19:43 Uhr

Hi,

Wir werden dann bald mal eine ordentliche Pasta essen in Baden-Baden!

Christoph

3: Bertram in Mainz:

19. Mai 2013 um 21:26 Uhr

Gegen Müllautos hatte ich als Kind auch eine besondere Aversion, und zwar gegen die Sperrmüll-Wagen. Diese Müllautos waren (und sind) nämlich die natürlichen Feinde des Sperrmülls. Und dort gab so wertvolle Dinge wie Röhren-Radios.

4: Wolfgang Jaxtheimer:

20. Mai 2013 um 14:58 Uhr

Ja Herr Troendle, das war ein höchst erfreuliches Leseerlebnis. Ich lebe in dieser Stadt seit 25 Jahren und kann Ihnen nur in allen Punkten zustimmen. Es war eine synthetische Komplettbeschreibung der Stadt und der Verhältnisse. Einen weiteren Punkt möchte ich noch herausstellen und das sind einige bis zahlreiche deutsche Landsleute, die hier leben und sich verhalten, als müssten sie Entwicklungshelfer spielen wie in der Dritten Welt. Das mitunter ewige Geklage über die Missstände kann man nur noch schwer ertragen. Warum leben und bleiben sie dann hier? Alles im allen, wenn man die von Ihnen erwähnten mehr oder weniger kleinen Abzüge macht, lebt es sich hier wunderbar – man muss sich eben auf die Gegebenheiten einstellen – und das fällt doch bei den zahlreichen positiven Elementen sicher nicht schwer.

5: Wolf Jaxtheimer:

20. Mai 2013 um 14:59 Uhr

Schade Herr Troendle, dass Sie es nie geschafft haben, bei unserem Deutsch Italienischem Stammtisch vorbeizuschauen, den wir wöchentlich seit knapp fünf Jahren in immer wieder neuen Lokalen organisieren.

6: Annamaria Vicaretti:

21. Mai 2013 um 13:40 Uhr

“…..Die kommt mir nämlich auch heute noch immer wieder wie ein großes Rätsel vor. Immerhin eines ist tröstlich: Vielen Italienerinnen und Italienern geht das ganz genauso…..”
Das stimmt!

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