Vor den Wahlen im Senegal: Der alte Mann und der Rap
von Peter Schreiber 22. Februar 2012 11:03 UhrIst er nun 85 Jahre oder noch älter, wie Kritiker des senegalesischen Präsidenten behaupten? Möglicherweise weiß es Abdoulaye Wade selbst nicht so genau. Denn als er in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in dem Provinzkaff Kébémer geboren wurde, war die französische Kolonialverwaltung noch schlecht organisiert. Und wenn die Kinder lieber aufs Feld statt in die Schule geschickt wurden, machte man sie eben ein bisschen jünger.
Der Wahlkämpfer Wade wirkt wie ein Scheintoter. Nahezu regungslos lässt er sich in seinem offenen Mercedes durch die Menge kutschieren. Das glänzende Gesicht lässt kaum Falten erkennen, so als habe man ihn bei lebendigem Leib einbalsamiert. Mit Mühe schafft er die Treppe hinauf aufs Podium. Ein paar Minuten lässt er die Jubelrufe der heran gekarrten Claqueure über sich ergehen – mit geschlossenen Augen. Ruht er oder sinniert er? Seine anschließende Rede ist kurz, seine Stimme dünn: “Ich bin der Kandidat der Jugend, euer Vater und Großvater. Zusammen werden wir siegen.”
Wades Chancen für eine weitere Amtszeit stehen nicht schlecht. Ende Januar befanden die von ihm ernannten Verfassungsrichter, dass eine dritte Wahl durchaus rechtens sei. Zwar erlaube die Verfassung nur zwei Amtszeiten. Doch seine erste Präsidentschaft liege vor Änderung der Verfassung und zähle deshalb nicht. Eine juristische Spitzfindigkeit, die vor allem Jugendliche seit Wochen zu Protestaktionen auf die Straßen bringt. Wird der 85-Jährige eine weitere siebenjährige Amtszeit überhaupt durchstehen? Seine Anhänger zweifeln nicht daran. Wades älterer Bruder ist fast hundert geworden.
Die Opposition ist zerstritten. 13 Kandidaten treten gegen den Amtsinhaber an, darunter Ministerpräsidenten und Minister, die unter Wade gedient haben und offensichtlich davon ausgingen, der alte Mann werde sich – wie bei der letzten Wahl 2007 angekündigt – aus der Politik zurückziehen. Jetzt stehen sie im Ring und sind gleichwohl chancenlos. Die staatlichen Medien und das große Geld hat Wade hinter sich. Damit seine überdimensionalen Wahlplakate in der Hauptstadt Dakar nicht abgerissen werden, hat er professionelle Ringer als Wächter engagiert – Tag und Nacht.
Den einzigen, der Wade hätte gefährlich werden können, hat das Verfassungsgericht ausgebremst. Der Sänger Youssou N´Dour hat zwar mehr als die erforderlichen 10.000 Unterschriften vorgelegt, die für eine Präsidentschaftskandidatur erforderlich sind. Doch nur 8500 seien nachprüfbar echt, fanden die Richter: “Eine politische Entscheidung”, sagt uns der Musiker, als wir ihn vergangene Woche vor seinem Fernsehstudio treffen. Neben TV- und Radiostation gehören Youssou N´Dour im Senegal eine Tageszeitung und eine Bank für Mikrokredite. Als Superstar der internationalen Weltmusik, Grammy-Gewinner und UNESCO-Botschafter genießt er in seiner Heimat großes Ansehen. “Als Politiker musst du lügen und Versprechungen machen, die du nicht einhalten kannst.”
Jahrzehntelang hat sich Youssou N´Dour an diese Maxime gehalten, und dann Anfang Januar doch seine Kandidatur erklärt. Nach der Ablehnung durch das Verfassungsgericht gibt sich der Musiker kämpferisch: “Die Demokratie im Senegal ist in Gefahr. Deswegen engagiere ich mich in der Politik. Mir geht es nicht darum, sagen zu können ‘Ich bin Präsident’. Das ist ein langfristiges Ziel. In meinem Land, im Senegal, muss sich grundlegend etwas ändern.”
Youssou N´Dour wäre mit seiner Popularität, seiner Medien- und Finanzkraft ein ernstzunehmender Präsidentschaftskandidat gewesen, aber nicht unbedingt der Gewinner. In den Augen vieler Senegalesen ist er ein hervorragender Musiker und integrer Bürger. Doch das allein macht noch keinen guten Präsidenten. Und für die Jugend des Senegal gehört Youssou N´Dour mit seinen 52 Jahren zur Väter-Generation, und von der fühlt sie sich generell im Stich gelassen.
Über die Hälfte der senegalesischen Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre. Und die meisten Jugendlichen sind arbeitslos. Vor allem in der Hauptstadt Dakar trifft man auf gut ausgebildete junge Leute, die keine Arbeit finden und sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Ihre Musik ist der Rap, mit dem sie ihre Wut und Enttäuschung raus lassen. Über Arbeitslosigkeit, steigende Lebensmittelpreise, Korruption und Vetternwirtschaft. “Y’en a marre” – “Wir haben die Schnauze voll”, nennt sich ihre Bewegung, die sich zur Zeit beinahe täglich Straßenschlachten mit der Polizei liefert. So werden in Plateau, dem Geschäftsviertel von Dakar, Straßen mit brennenden Reifen und Möbelstücken verbarrikadiert; Auffahrten zur neuen Stadtautobahn stundenlang blockiert; Tränengas und Gummigeschosse der Polizei schrecken die Demonstranten nicht.
Die Präsidentenwahl am kommenden Sonntag wird kaum etwas ändern. Ob Abdoulaye Wade bereits im ersten Wahlgang die 50 Prozent schafft oder sich Mitte März einer Stichwahl stellen muss, interessiert viele Jugendliche gar nicht mehr. Für sie sind die Politiker der etablierten Parteien sowieso durchgängig diskreditiert. Die denken sowieso nur an sich, sagen sie. Was sie an deren Stelle setzen wollen, ist ihnen noch nicht klar. Eins aber wissen sie: “Y’en a marre” – “Uns reicht´s!”








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22. Februar 2012, 12:25 Uhr
Sehr geehrter Hr.Schreiber,
nur mal so nebenbei,es gibt schon zwei weibliche Kandatinnen,welche
sich der Wahl stellen wollen.
22. Februar 2012, 12:41 Uhr
Das ganze in fast ganz Afrika verbreitete Elend ist immer das Gleiche: der Clan, der hinter dem derzeitigen und es ist zu befürchten auch dem künftigen Präsidenten steht, will die vielen Pöstchen in der Verwaltung der Regierung und dem ganzen Apparat behalten. Deswegen muss und darf, wie es die Richter bestätigt haben, noch einmal antreten. Das dient weniger dem Machterhalt des Präsidenten, sondern der Sicherung der Besitzstände des Clans, dem der Präsident angehört.
22. Februar 2012, 16:41 Uhr
Es geht v.a. um den Machterhalt des Clans um den aktuellen und wohl künftigen Präsidenten. Er selbst hält sich für den senegalesischen Nelson Mandela und Luiz Inacio Lula in einem, glaubt den Friedensnobelpreis und den für Wirtschaft schon längst verdient zu haben; was auch kommen mag, er steht über den Dingen. Dabei sind die westlichen (Entwickluns-)Partner nicht ganz unschuldig an seinem Ego-Wachstum: trotz ganz offizieller Geldverschwendung (u.a. Monumentbau) und -veruntreuung (Segura-Gate) haben Weltbank und der IWF Jahrelang immer mehr Geld in den Senegal gepumt. Kritik ungewünscht, sonst fällt auch noch die sog. letzte Demokratie-Bastion in Westafrika.
Die Rolle von Youssou NDour im obigen Artikel ist aus der Vor-Ort-Sicht völlig überzogen. Allerdings folgert der Artikel richtig, dass keiner der Kandidaten ein Vertreter des Volkes, der Jugend ist. Die Y-en-a-marre-Bewegung ist eine a-politische Straßenbewegung für einen radikalen Wechsel bei den afrikanischen Eliten.
22. Februar 2012, 18:48 Uhr
Sehr geehrter Herr Sarr,
Sie haben Recht: unter den 14 Praesidentschaftskandidaten sind auch zwei (!) Frauen.
23. Februar 2012, 10:27 Uhr
Das Problem ist meines Erachtens nach, das bei dem Präsidialsystem die Clans dominieren. So lange das zur allg. Entwicklung führt, ist es ok. Aber da es zu viele Jugendliche ohne Perspektive gibt, führt es zu Hoffnungslosigkeit. Aber so oder so ist der Konflikt bald beendet, da Wade schon so alt ist. Allerdings sehe ich die Entwicklung viel positiver. In mehreren ECOWAS-Staaten gibt es eine positive wirtschaftliche und politische Entwicklung. Allen voran wird Ghana zu einigen Staaten in Asien aufschließen. Die demokratische Bewegung ist in West-Africa viel weiter, als man hier glaubt.
23. Februar 2012, 15:26 Uhr
vor einigen Tagen zog Wades Wahlkampfkolonne durch unsere Provinzstadt. An den Strassenrändern hunderte von jungen Leuten mit identischen Wade-T-Shirts und Pappschildern, die alle die gleiche Parole trugen. Kam mir irgendwie vor wie früher in der DDR. Sowas sieht man sonst nicht hier.
Und inzwischen ezählte uns ein Bekannter, dass ihm umgerechnet acht Euro angeboten worden waren, um sich mit T-Shirt und Schild an der Strasse zu stellen. Na also.
29. Februar 2012, 00:04 Uhr
Hallo, ich hatte vor ein paar tagen eine ausführliche Stellungnahme zum obigen Artikel verfasst die scheinbar jetzt von der redaktion gelöscht wurden was ich sehr schade finde. Der Artikel enthält leider grobe inhaltliche Fehler auf die ich hinweisen wollte.
Eine Kernaussage möchte ich wiederholen, da ich finde, dass mit der einer im Artikel getroffenen Aussage die Arbeit der Bewegung “Y en a marre” in ein absolut falsches Licht gesetzt wird. Sie sagen, dass Y en a marre “sich zur Zeit beinahe täglich Straßenschlachten mit der Polizei liefert”. Diese Aussage ist absolut falsch, Y en a marre ist eine absolut pazifistisch ausgerichtete Bewegung und besteht auch nicht nur aus Rappern.
Ich würde mich sehr freuen, wenn sie in Zukunft besser recherchieren und korrekter berichten würden. Ich denke, dass dies von der ARD erwartet werden kann!
01. März 2012, 17:34 Uhr
Die Bewegung “Y en a marre” besteht keineswegs nur aus Rappern. Fakt aber ist, dass sie im vergangenen Jahr von Rappern gegründet wurde. Unser Team war 14 Tage zu Dreharbeiten im Senegal, davon 8 Tage in Dakar. In diesen Tagen vom 9. bis 17.Februar haben wir nahezu täglich Demonstrationen miterlebt. Ziel der Demonstranten war in allen Fällen der Unabhängigkeitsplatz in Dakar, was senegalesische Polizei mit Wasserwerfern und Gummigeschossen verhindert hat. Als “absolut pazifistisch ausgerichtete Bewegung” habe ich “Y en a marre” nicht erlebt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen und wir haben es auch gefilmt, wie Demonstranten mit Steinen und Metallstangen auf Polizisten losgehen (unter den Verwundeten waren denn auch Polizisten) , wie sie Reifen und Möbel auf die Strasse geschleift und angesteckt haben.
03. März 2012, 22:54 Uhr
Politiki kele!
Nun, ob es sich wirklich lohnt zu streiten ob “y en a marre” nun pazifistische Rapper sind oder ob man sich tatsächlich innerhalb von 14 Tagen ein Bild und gar eine Meinung über ein ganzes Land machen kann ist fragwürdig? Politiker Lügen, da hat Herr N’Dour wirklich recht, Superstars aber auch, Fakt ist das Menschen lügen und davon habe ich genug! Ich war i meinem Leben in mehr als 40 Ländern, vier Monate im Senegal und habe dort die wohl freundlichsten und aufgeschlossensten Menschen kennengelernt, ausgebeutet vom eigenen Regime, von China und Europa! Ich kann nur sagen, Herr Wade, Y’en a marre!
06. März 2012, 19:20 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren, die sogenannte “Deutsche Content Allianz“, die aus führenden Persönlichkeiten der ARD, ZDF, des Börsenvereins, deutschen Buchhandelsverband, GEMA, GEZ, und der Musik- und Filmindustrie besteht, sind die führenden Köpfe zur Durchsetzung von ACTA/IPRED. Gemeinschaftlich fordern sie eine Durchsetzung von ACTA, das Internetzensur, beschränkte Meinungsäußerung, Verlust der Netz-Neutralität, Totalüberwachung aller Netzaktivitäten eines Internetnutzers sowie Verlust der Freiheit von Bürgerrechten und restriktive Bestrafung mit Verlust des Internetzugangs bedeuten würde.
STOP ACTA!
Die Meinungsfreiheit ist das elementare Recht eines jeden Menschen und wird in vielen europäischen Verfassungen als ein gegen die Staatsgewalt gerichtetes Grundrecht garantiert. Es soll verhindern, dass die öffentliche Meinung und die damit verbundenen Auseinandersetzung mit Politikern, Regierungen und Gesetzgebung beeinträchtigt oder verboten wird. Doch genau diese…