Ist er nun 85 Jahre oder noch älter, wie Kritiker des senegalesischen Präsidenten behaupten? Möglicherweise weiß es Abdoulaye Wade selbst nicht so genau. Denn als er in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in dem Provinzkaff Kébémer geboren wurde, war die französische Kolonialverwaltung noch schlecht organisiert. Und wenn die Kinder lieber aufs Feld statt in die Schule geschickt wurden, machte man sie eben ein bisschen jünger.

Der Wahlkämpfer Wade wirkt wie ein Scheintoter. Nahezu regungslos lässt er sich in seinem offenen Mercedes durch die Menge kutschieren. Das glänzende Gesicht lässt kaum Falten erkennen, so als habe man ihn bei lebendigem Leib einbalsamiert. Mit Mühe schafft er die Treppe hinauf aufs Podium. Ein paar Minuten lässt er die Jubelrufe der heran gekarrten Claqueure über sich ergehen – mit geschlossenen Augen. Ruht er oder sinniert er? Seine anschließende Rede ist kurz, seine Stimme dünn: “Ich bin der Kandidat der Jugend, euer Vater und Großvater. Zusammen werden wir siegen.”

Wades Chancen für eine weitere Amtszeit stehen nicht schlecht. Ende Januar befanden die von ihm ernannten Verfassungsrichter, dass eine dritte Wahl durchaus rechtens sei. Zwar erlaube die Verfassung nur zwei Amtszeiten. Doch seine erste Präsidentschaft liege vor Änderung der Verfassung und zähle deshalb nicht. Eine juristische Spitzfindigkeit, die vor allem Jugendliche seit Wochen zu Protestaktionen auf die Straßen bringt. Wird der 85-Jährige eine weitere siebenjährige Amtszeit überhaupt durchstehen? Seine Anhänger zweifeln nicht daran. Wades älterer Bruder ist fast hundert geworden.

Die Opposition ist zerstritten. 13 Kandidaten treten gegen den Amtsinhaber an, darunter Ministerpräsidenten und Minister, die unter Wade gedient haben und offensichtlich davon ausgingen, der alte Mann werde sich – wie bei der letzten Wahl 2007 angekündigt – aus der Politik zurückziehen. Jetzt stehen sie im Ring und sind gleichwohl chancenlos. Die staatlichen Medien und das große Geld hat Wade hinter sich. Damit seine überdimensionalen Wahlplakate in der Hauptstadt Dakar nicht abgerissen werden, hat er professionelle Ringer als Wächter engagiert – Tag und Nacht.

Den einzigen, der Wade hätte gefährlich werden können, hat das Verfassungsgericht ausgebremst. Der Sänger Youssou N´Dour hat zwar mehr als die erforderlichen 10.000 Unterschriften vorgelegt, die für eine Präsidentschaftskandidatur erforderlich sind. Doch nur 8500 seien nachprüfbar echt, fanden die Richter: “Eine politische Entscheidung”, sagt uns der Musiker, als wir ihn vergangene Woche vor seinem Fernsehstudio treffen. Neben TV- und Radiostation gehören Youssou N´Dour im Senegal eine Tageszeitung und eine Bank für Mikrokredite. Als Superstar der internationalen Weltmusik, Grammy-Gewinner und UNESCO-Botschafter genießt er in seiner Heimat großes Ansehen. “Als Politiker musst du lügen und Versprechungen machen, die du nicht einhalten kannst.”

Jahrzehntelang hat sich Youssou N´Dour an diese Maxime gehalten, und dann Anfang Januar doch seine Kandidatur erklärt. Nach der Ablehnung durch das Verfassungsgericht gibt sich der Musiker kämpferisch: “Die Demokratie im Senegal ist in Gefahr. Deswegen engagiere ich mich in der Politik. Mir geht es nicht darum, sagen zu können ‘Ich bin Präsident’. Das ist ein langfristiges Ziel. In meinem Land, im Senegal, muss sich grundlegend etwas ändern.”

Youssou N´Dour wäre mit seiner Popularität, seiner Medien- und Finanzkraft ein ernstzunehmender Präsidentschaftskandidat gewesen, aber nicht unbedingt der Gewinner. In den Augen vieler Senegalesen ist er ein hervorragender Musiker und integrer Bürger. Doch das allein macht noch keinen guten Präsidenten. Und für die Jugend des Senegal gehört Youssou N´Dour mit seinen 52 Jahren zur Väter-Generation, und von der fühlt sie sich generell im Stich gelassen.

Über die Hälfte der senegalesischen Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre. Und die meisten Jugendlichen sind arbeitslos. Vor allem in der Hauptstadt Dakar trifft man auf gut ausgebildete junge Leute, die keine Arbeit finden und sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Ihre Musik ist der Rap, mit dem sie ihre Wut und Enttäuschung raus lassen. Über Arbeitslosigkeit, steigende Lebensmittelpreise, Korruption und Vetternwirtschaft. “Y’en a marre” – “Wir haben die Schnauze voll”, nennt sich ihre Bewegung, die sich zur Zeit beinahe täglich Straßenschlachten mit der Polizei liefert. So werden in Plateau, dem Geschäftsviertel von Dakar, Straßen mit brennenden Reifen und Möbelstücken verbarrikadiert; Auffahrten zur neuen Stadtautobahn stundenlang blockiert; Tränengas und Gummigeschosse der Polizei schrecken die Demonstranten nicht.

Die Präsidentenwahl am kommenden Sonntag wird kaum etwas ändern. Ob Abdoulaye Wade bereits im ersten Wahlgang die 50 Prozent schafft oder sich Mitte März einer Stichwahl stellen muss, interessiert viele Jugendliche gar nicht mehr. Für sie sind die Politiker der etablierten Parteien sowieso durchgängig diskreditiert. Die denken sowieso nur an sich, sagen sie. Was sie an deren Stelle setzen wollen, ist ihnen noch nicht klar. Eins aber wissen sie: “Y’en a marre” – “Uns reicht´s!”