Politiker sind alle Raffkes, die in ihrem Amt jede nur mögliche Vergünstigung mitnehmen! Zur Verfestigung und Mehrung dieses weit verbreiteten Vorurteils hat der derzeit amtierende Bundespräsident eine ganze Menge beigetragen. Und weil der erste Mann im Staate noch im Amt ist, wenden sich viele Medien nunmehr der Frage zu, welchen Politikern Manfred Schmidt, Wulff-Spezl und Polit-Feierbiest, noch so alles Wohltaten zuteil werden ließ. Dabei stieß der “Stern” auf einen Freiflug von Kurt Beck auf Kosten Schmidts. Ein Skandal? Ein Rücktrittsgrund? Oder schlimmer noch: Eine Erwähnung in der Tagesschau?

Für alle diejenigen, die die aktuelle Printausgabe des “Stern” nicht kennen, hier der Fall: Partykönig Schmidt lud 2008 den damaligen SPD-Chef zu einem Medien-Treff (im Volksmund: Edel-Sause) nach Berlin ein. Um den Parteichef, der in Berlin in Terminen steckte, nach Hamburg zu bekommen, stellte er Beck einen Privatjet für den Flug an die Elbe zur Verfügung und trug die Kosten von rund 4.000 Euro. Hört sich irgendwie anrüchig an. Aber ist es das auch? Ich kam nach intensiver Abwägung zum Ergebnis, dass es das nicht ist. Mehrere Gründe sprachen am Ende dagegen, diesen Freiflug in der Tagesschau zu behandeln. Erstens hat sich Beck keinen privaten Vorteil à la Gratisurlaub verschafft. Zweitens gibt es (bislang) keine Gegenleistung (z.B. Aufträge der Mainzer Staatskanzlei) an Schmidt. Drittens: Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz hat anders als sein früherer Amtskollege aus Niedersachsen diesen Sachverhalt weder im Landtag noch anderswo falsch dargestellt. Der Fall liegt also anders als die Wulff-Affäre. Der Eindruck, den wir mit einer Meldung bei den Zuschauern erweckt hätten, wäre aber gewesen: Der also auch!

Auch ich habe zuerst gezuckt, als ich las, mit welchen Leistungen Schmidt seine potentiellen Partygäste umgarnt. Andererseits müssen wir aufpassen, dass wir nicht alles skandalisieren, wenn sich Politiker treffen oder wo sogar Schmidt draufsteht. Damit mich niemand falsch versteht. Die Presse muss darüber wachen, dass Amtsträger ihre Stellung nicht missbrauchen oder sich Vorteile ergaunern. Dann sollen wir Journalisten mit großer Konsequenz unsere Arbeit machen. Aber wir tun weder der politischen Klasse noch dieser Gesellschaft einen Gefallen, wenn wir jetzt alles mögliche zu einem Cocktail aus Filz, Vorteilsannahme und Verlogenheit zusammenrühren (und das ganze am besten noch mit einem knackig-abfälligen Zitat des TV-Staatsrechtlers von Arnim würzen). Das schafft vielleicht kurzfristig Aufmerksamkeit, aber das Gift der Politik(er)verdrossenheit sickert immer tiefer in die Gesellschaft ein.