Wenn man die ersten Zeitungskommentare liest heute morgen und die Reaktionen im Netz, dann ist Christian Wulff der Befreiungsschlag nicht gelungen. Aber öffentliche Meinung bildet sich eben nicht nur durch Zeitungskommentare. Es könnte auch eine andere Entwicklung geben, nämlich den Mitleidseffekt. Nach aller Erfahrung nötigt es in Deutschland den Menschen viel Respekt ab, wenn jemand öffentlich um Verzeihung bittet, seine Fehler eingesteht und sich zerknirscht gibt.

Und was die Menschen gar nicht mögen, ist das Gefühl, dass ein Politiker von den Medien „gejagt“ wird. Ich erinnere mich sehr gut an die öffentliche Meinung über Thilo Sarrazin. Die Mehrheit der Menschen war damals zwar eindeutig nicht seiner Meinung, hat seine Thesen nicht unterstützt, aber das Gefühl, dass Medien und Politik ihn fertig machen wollten, war sehr verbreitet und hat zu einer großen Solidarisierung mit Sarrazin geführt.

Was heißt das alles für Christian Wulff? Diese Woche ist Deutschlandtrend-Woche in den Tagesthemen. Am Montag, Dienstag und am Mittwoch (vor dem Interview) haben wir die Entwicklung der Stimmung genau dokumentiert. Immer weniger Menschen hielten Wulff von Tag zu Tag für glaubwürdig und ehrlich. Und während am Dienstag nur eine Minderheit seinen Rücktritt forderte, war es am Mittwoch erstmals eine knappe Mehrheit. Die Reaktionen auf das Interview werden wir heute zum ersten Mal repräsentativ messen. Heute Nachmittag und heute Abend führt Infratest dimap in einer Blitzbefragung 1.000 weitere Telefoninterviews für uns durch. Und auf die Ergebnisse (heute Abend hier auf tagesschau.de und in den Tagesthemen) bin ich mächtig gespannt.