Wenn man sich heute durch die Online-Seiten klickt, scheint die Stimmung des Volkes eindeutig zu sein. In Votings auf verschiedenen großen Seiten sprechen sich klare Mehrheiten für den Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff aus. Während ich schreibe, sehe ich gerade, dass von 31.000 Beteiligten hier im Voting bei tagesschau.de 89 Prozent für den Rücktritt votiert haben. Können so viele Teilnehmer irren? Muss das nicht repräsentativ sein?

Im ARD-DeutschlandTrend kurz vor Weihnachten hatten wir das gegenteilige Bild. 70 Prozent sprachen sich gegen den Rücktritt Wulffs aus und ganz aktuell läuft bei Infratest dimap im Auftrag der ARD die Befragung für den DeutschlandTrend dieser Woche. Wieder wollten wir wissen: Soll Wulff zurücktreten? Und in einer Vorauswertung der ersten Befragungswelle bis gestern Abend 21.00 Uhr spricht sich erneut eine – allerdings geschrumpfte – Mehrheit von grob 60 Prozent gegen den Rücktritt aus. Warum dieser Widerspruch? Als Autor des DeutschlandTrends bekomme ich in den letzten Monaten immer mehr Mails von Zuschauern und Usern, die mich auf solche Widersprüche aufmerksam machen. Egal, ob es um Sarrazin geht, Guttenberg oder jetzt Wulff – der Widerspruch ist ständig da. Aber er ist leicht aufzulösen. Online-Votings, egal wieviel Zehntausende sich daran beteiligen, sind grundsätzlich unrepräsentativ. Telefonumfragen, wie die für den ARD-DeutschlandTrend, hingegen gelten bei gemeinhin tausend Befragten als repräsentativ. Das entscheidende hierbei ist die Methodik. Meinungsforschungsinstitute wählen die 1000 angerufenen Teilnehmer so aus, dass alle Bevölkerungsgruppen, Alt und Jung, Arm und Reich, Nord und Süd, Mann und Frau, entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung angerufen und in die Umfrage einbezogen werden. Ein Zufallsgenerator nutzt dafür alle in Deutschland theoretisch möglichen Telefonnummerkombinationen. Natürlich sorgt der Zufall auch hier für Abweichungen von ein bis zwei Prozentpunkten, aber wenn man davon absieht, sind Ergebnisse dieser Umfragen – professionell gewichtet – repräsentativ und geben das Stimmungsbild in der Bevölkerung wieder.

Anders bei Online-Votings. Schon der potentielle Teilnehmerkreis ist von vornherein eingegrenzt. Wer niemals tagesschau.de benutzt (und das ist leider die große Mehrheit der Bevölkerung) hat auch keine Chance, sich am Voting zu beteiligen. Umgekehrt: Die Nutzer von tagesschau.de sind überdurchschnittlich politisch interessiert und überdurchschnittlich informiert. Aus diesen Nutzern wiederum bildet sich eine Teilgruppe, die aus besonderem Interesse am Thema auf den Voting-Link klickt, und aus Erfahrung wissen wir, am Ende klicken ganz überdurchschnittlich diejenigen, die sich über ein Thema besonders ärgern oder ereifern, also in diesem Fall diejenigen, die Wulffs Rücktritt aus lauter Ärger endlich sehen wollen.

So ist das Voting zwar eine nette Spielerei, ein Stimmungsbarometer für den kleinen Ausschnitt der besonders am Thema Interessierten – mit der allgemeinen öffentlichen Stimmung hat das ganze aber wenig zu tun.

Ich erwarte, dass die Unterstützung für Wulff in den nächsten Tagen bröckeln wird und dass wir schon heute Abend etwas andere Umfrageergebnisse haben werden. Denn das Thema ist seit gestern Abend überdurchschnittlich präsent in elektronischen und gedruckten Medien. Gut möglich also, dass bei unserer Veröffentlichung am Donnerstag dann auch eine Mehrheit den Rücktritt von Wulff fordert. 89 Prozent werden es aber ganz sicher nicht sein.