Abflug
von Mark Kleber 2. November 2011 19:19 Uhr„Wir starten“, sagt der Kapitän über die Bordlautsprecher. Flug GAF 647 bringt mich zurück von Tanger nach Berlin. Noch drei Stunden Nachtflug mit der Bundeswehrmaschine, dann endet meine letzte Reise als Hauptstadtkorrespondent. Zum Abschied also Marokko. Und wieder ein ganz anderes Afrika. Kenia vor drei Jahren, das war der Anfang.
Regenwasser vom Dach einer Schule für Massai-Kinder, mitten in der Einöde. Gelbe Plastikkanister, staubige Pisten; Kibera, der größte Slum Nairobis, in dem die Folgen der Gewalt nach den Wahlen noch zu spüren gewesen waren. Deutsche Entwicklungshelfer, die nur am Wochenende ihre Familie in Nairobi sahen und Bauern mit zerschlissenen Hemden und zerfurchten Gesichtern, stolz auf die Früchte, die sie als Gemeinschaft anbauten. Dann Ruanda, der Wirtschaftsmusterschüler. Saubere Straßen, sogar eine afrikanische Variante der Kehrwoche, ein Präsident, der mit harter Hand regiert und in einem Museum über den Völkermord in Ruanda ein immer wieder entsetzlicher Machetenhieb in einer Videoschleife.
Goma, kurz hinter der Grenze in der Demokratischen Republik Kongo. Wellblechhütten in schwarzer Lavalandschaft, mit UN-Panzern im Konvoi, am Wegesrand die Frau mit dem weißen Kopftuch, die bei unserem Anblick den Finger über die Kehle zieht. Und nicht zu vergessen: Im Flüchtlingslager zwischen den weißen Planen ein deutscher Entwicklungsminister mit Bundeswehrmütze. Durch die Fotos sehen sich viele damals bestätigt: Niebel – ein Rambo.
Mosambik, nach einem Flug quer über den halben Kontinent: ratlose Investoren, die über Bürokratie klagen, ein Aidszentrum für Kinder und Schwangere, noble Villen und hunderte Menschen, die in einem ehemaligen Luxushotel hausen, dessen Fenster längst leere Höhlen sind. In Südafrika waren wir zwischen den Terminen unterwegs auf gut ausgebauten Autobahnen, an denen sich die Häuser hinter hohen Mauern versteckten. Eine Schule mit brandneuem Fußballplatz in der Nachmittagssonne, eine junge Fußballerin im Township, die den Schülern im Training beizubringen versucht, dass man Konflikte auch anders lösen kann als mit Gewalt.
Nachts in Johannesburg dann der erschreckte Ausruf des Fahrers, als ich schon wenige Meter vor dem Hotel aus dem Auto steigen will: „No!“ Selbst ein paar Schritte zu gefährlich.
Jetzt also, zuletzt, Marokko, mitten im arabischen Frühling. Reformen statt Revolution, ein junger Gewürzhändler in den engen Gassen der Altstadt von Marrakesch, der mit Entwicklungskrediten seinen Laden aufbauen konnte, ein gemäßigt-islamistischer Abgeordneter, der wortgewaltig von sich weist, die Rechte der Frauen beschneiden zu wollen, und Afrikas größter Windpark auf einem Höhenzug, dessen über hundert Räder ausgerechnet dann stillstehen, wenn der deutsche Entwicklungsminister zu Besuch kommt. Eine der seltenen Flauten, erklären die marokkanischen Offiziellen.
Marokko setzt auf erneuerbare Energien, aber auch über den Bau eines Atomkraftwerks wird nachgedacht. So viele verschiedene Gesichter hatte Afrika für mich, so vieles habe ich gelernt. Über die Vielfalt dieses Kontinents, über die Wirklichkeit von Entwicklungspolitik und auch über einen Politiker, der das Rambo-Image längst abgestreift hat. Die Bundeswehrmütze hat Dirk Niebel bei dieser Reise übrigens zum ersten Mal vergessen. Es war seine zweiundzwanzigste Reise. In diesem Jahr.
Berlin zehn Grad, meldet der Kapitän. Wir landen in Tegel. Die drei Stunden Nachtflug sind vorbei.








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