Es wird jedes Jahr mehr, stöhnen manche, die schon seit Jahren in Istanbul leben, über den Straßenverkehr. Stau ist hier keine Ausnahme, sondern der Dauerzustand. Verstopfte Straßen, ständiges Gehupe und Fahrer, die waghalsig die kleinste Lücke nutzen, um ein bisschen schneller voranzukommen. Die Boom-Town der Türkei zieht ständig weitere Menschen an.

Freie Bahn – im Verkehrschaos von Istanbul nutzt die türkische Polizei für die deutsche Staatsministerin Maria Böhmer auch mal die Straßenbahnschienen.

Freie Bahn – im Verkehrschaos von Istanbul nutzt die türkische Polizei für die deutsche Staatsministerin Maria Böhmer auch mal die Straßenbahnschienen.

Der Magnet: Eine Wirtschaft, die in der Türkei mit neun Prozent wächst –  von solch einer Rate kann Deutschland nur träumen. Auf einem Schild an der Autobahn steht noch etwas von 12 Millionen Einwohnern, doch inoffizielle Schätzungen sprechen von 20 Millionen Menschen, die inzwischen in Istanbul leben. Auch immer mehr junge Leute, die in Deutschland zur Uni gegangen sind, sehen ihre Zukunft in der Türkei. „Dort finde ich einfach mehr menschliche Wärme als in Deutschland“, sagt mir die 22-jährige BWL-Studentin Ahsen Mert aus Berlin. Derzeit macht sie in Ankara ein Praktikum und hat eigens einen Türkisch-Kurs besucht, um nach ihrem Studium besser in der Türkei Fuß zu fassen. Dann will sie mit ihren Eltern mitgehen, die zurückstreben in ihr Herkunftsland. Für eine Unternehmensberatung könnte sie arbeiten, hofft sie zuversichtlich. Denn nach einem Jahr in den USA spreche sie auch fließend Englisch: „Wenn man in Deutschland eine gute Ausbildung hatte und ein paar Sprachen spricht, kann man in der Türkei einen guten Job finden.“

Salih Durmus (li.) und Ilker Yavus arbeiten derzeit in Istanbul

Salih Durmus (li.) und Ilker Yavus arbeiten derzeit in Istanbul

Salih Durmus, 33 Jahre alt, lebt mit seiner Familie seit drei Jahren wieder in Istanbul, wo er für einen deutschen  Konzern arbeitet.  Er ist in Berlin geboren und erzählt, am Anfang fühlte er sich in der Türkei wie ein Fisch, den man aus dem Wasser gezogen habe. Gerade wenn es um Bürokratie gehe, z.B. um Strom und Wasser anzumelden, habe er gegen den Strom schwimmen müssen. Andererseits spricht er ebenfalls von der größeren Warmherzigkeit: „Man fühlt sich auch nach so vielen Jahren in Deutschland sofort willkommen in der Türkei.“ Er genieße den Vorteil,  in Deutschland studiert zu haben. Wenn er von Deutschland spricht sagt Durmus „wir“. Eine ganze Menge deutscher Mentalität hat er mitgenommen: „Meine Kinder zum Beispiel gehen um sieben ins Bett, so wie in Deutschland immer nach dem Sandmännchen. Da haben unsere türkischen Nachbarn schon schief geguckt, aber das finden wir gut so.“ Doch in Deutschland machten seine Frau und er sich auch Sorgen, ihre achtjährige Tochter und ihr sechsjähriger Sohn könnten unter Vorurteilen leiden – z.B. in der Schule. „Gerade gut Qualifizierte haben dafür nichts übrig“, sagt der Diplom-Ingenieur, „die Gesellschaft muss verstehen, dass diese Kinder keine Türken mehr sind, sondern ein Teil von Deutschland, aber anders. Mit einem anderen kulturellen Hintergrund, der gemixt ist.“ Sein Kollege Ilker Yavus ist in der Nähe von Nürnberg geboren und sagt, er habe die Stärken beider Welten mitgenommen. Je nachdem, wo man lebe, vermisse man nur eben immer das, was man gerade nicht habe, meint der 28-Jährige. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, sagt nach der Begegnung mit den beiden: „Wir müssen uns von dem alten Denken lösen, dass man einen Ort braucht und eine Heimat, sondern man kann sehr wohl in zwei Welten zu Hause sein.“

Böhmer und Arbeitsminister Celik

Böhmer mit dem türkischen Arbeitsminister Faruk Celik

Eine Woche war Böhmer in der Türkei unterwegs und stellt fest, sie habe viel seltener als früher zu hören bekommen, dass Menschen mit deutschen und türkischen Wurzeln zwischen den Stühlen säßen. Daran zeigten sich die positiven Veränderungen durch Migration und Integration. Am liebsten hätte Böhmer, dass hochqualifizierte Deutsch-Türken wie Mert, Durmus und Yavus in Deutschland blieben – Fachkräfte werden hier dringend gebraucht.  Deutschland als Heimat begreifen – das sei das Ziel. Wie weit dieser Begriff gefasst sein kann, dazu veranstaltet die Integrationsbeauftragte im Internet einen Wettbewerb, bei dem junge Leute in vielen Formen beschreiben können, was für sie die Heimat Almanya ist. In der Türkei sieht Böhmer ebenfalls einen Wandel. Inzwischen fordert auch der türkische Staatspräsident Gül: Türken in Deutschland sollten akzentfrei Deutsch lernen. Böhmer lobt diese Veränderung. Aber, wendet sie nach ihren Gesprächen mit Regierungsvertretern ein, die türkische Seite lehne nach wie vor ab, dass Türken, die nach Deutschland einwandern wollen, erste Deutschkenntnisse schon in der Türkei erwerben müssen. „Diese Sprachkenntnisse sind die Eintrittskarte“, beharrt Maria Böhmer, „und ich habe kein Verständnis dafür, dass man sich dagegen sträubt.“ So deutlich übt die Integrationsbeauftragte selten Kritik.

Blick auf das nächtliche Istanbul

Boomtown bei Nacht – der Verkehrslärm verstummt nie

Ilker Yavus und Salih Durmus finden, man sollte Deutsch, Türkisch und wenn möglich auch Englisch lernen. Aber Deutsch lernen als Pflicht, um zu jemandem ziehen zu dürfen, den man liebt? Da sind die beiden skeptisch. Für sie stellt sich die Frage, wo sie leben, ohnehin anders: Deutschland oder die Türkei – das sind  nur zwei Möglichkeiten unter vielen. Yavus sagt, er könne sich gut vorstellen, auch in den USA oder einem anderen englisch-sprachigen Land zu arbeiten. Weltbürger oder Jobnomade – was trifft da eher zu? Yavus sagt jedenfalls, lange zu planen sei schwer für ihn: „Wo der Wind mich hinfegen wird, werde ich hingehen.“