Sie liegen meist in der Nähe der schwer gesicherten Botschaften. Sie sind durch private scher bewaffnete Sicherheitsdienste und mindestens zwei Tore und Mauern geschützt – die kleinen Fluchtinseln aus dem staubigen Krisenalltag in Kabul: Restaurants und Hotels, in denen sich vorwiegend Ausländer aus dem Westen treffen. Hinter Mauern und Stacheldraht liegt eine dieser grünen Oasen in Kabuls Steinwüste: Rosen blühen, ein kleiner Springbrunnen plätschert, darin Goldfische. Ein paar Bäume spenden Schatten, überall gemütliche Sitzecken. Leise Musik. Die Kellner in diesem Restaurant tragen Krawatten und Westen. Und abends sorgen kleine Laternen für heimeliges Licht. Nur manchmal mischt sich das SOS aus einem ABBA-Song mit den Rufen des Muezzins, der irgendwo in der Nähe zum Gebet ruft. Afghanistan light. Bis die immer wieder kehrenden kurzen Stromausfälle daran erinnern, dass hier nichts so ist, wie es scheint.

Besonders am Wochenende, wenn viele Botschaftsmitarbeiter und Helfer frei haben, sind die wenigen als sicher geltenden Restaurants voll. Natürlich kennen die Taliban all diese Orte, wo sich Ausländer aufhalten. Doch eine Mitarbeiterin der US-Botschaft erklärt mir: “Selbst wenn sich ein Selbstmordattentäter vor dem Tor in die Luft sprengen würde, sitzen wir hier drin weit genug weg. Es gibt für uns nicht viele Orte in Kabul, wo wir uns ein bisschen amüsieren können.!”

Auf der Speisekarte stehen neben ein paar lokalen Gerichten – Pizza, Pasta, Burger. Die Preise mitteleuropäisch. Ein Vermögen für einen afghanischen Durchschnittsverdiener. Auch Bier und Wein wird serviert. Im muslimischen Afghanistan eigentlich verpönt und verboten. Nur mit guten Beziehungen bekommt man eine inoffizielle Lizenz. Doch manche, die hier arbeiten, sehen das pragmatisch. “Allah verbietet es nicht, dass man Spaß am Leben hat”, sagt ein Kellner doppeldeutig, “und wenn Ihr Spaß am Alkohol habt, was sollten wir dann dagegen haben?”

Gespräch mit der Besitzerin, eine der wenigen, dazu noch sehr erfolgreichen Geschäftsfrauen in Afghanistan. Hassina  Syed ist auf ihre Art Teil des goldenen Käfigs. Täglich wechselt sie die Autos, selbst ihr Fahrer weiß abends noch nicht, wohin er sie morgens bringen wird. Ihr Mann lebt mit den Töchtern inzwischen aus Sicherheitsgründen in Dubai. Ist es das wert? “Einer muss ja den Anfang machen und das können nur wir Afghanen selbst!”, sagt sie.

An einem Tisch singen alle “Happy Birthday!” An einem anderen unterhalten sich angeregt Franzosen. Drei Amerikaner mit Pistolen am Gürtel ziehen entspannt an ihren Zigaretten. Plötzlich kreisen immer wieder Helikopter über uns, Sirenen hallen durch die Nacht. Der Strom fällt plötzlich minutenlang aus.

Eine Nachricht macht die Runde.: Ein Anschlag. Im ehrwürdigen InterContinental-Hotel einige Kilometer entfernt kämpfen Taliban mit den Sicherheitskräften. Die Tische leeren sich. Alle eilen zu den schusssicheren Geländewagen und rasen in ihre Hochsicherheitsgefängnisse für Diplomaten zurück. Der Ausflug in den goldenen Käfig ist vorbei…